Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen

Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen -

11. Februar 2019 ►

Das Europäische Parlament, der Rat der Europäischen Union und die EU-Kommission haben im Jahr 2009 gemeinsam den 11. Februar („11.2.“) zum jährlichen Europäischen Tag des Notrufs 112 erklärt, um die europaweite Gültigkeit und die Vorteile der einheitlichen Notrufnummer bekannter zu machen.
Nutzen Sie die Gelegenheit, um in Ihrem Bereich Informationen zur Notrufnummer zu verbreiten – wir alle wissen, dass Aufklärung immer noch notwendig ist!

Weitere Informationen finden Sie z.B. auf der Seite der „European Emergency Number Association“.

https://www.bbk.bund.de/DE/TopThema/TT_2013/Notruf_112_euweit.html

http://www.eena.org

Verfolgen Sie das Einsatz-Geschehen vieler Feuerwehren auf Twitter unter  #twittergewitter oder #112live

 

Fall des Monats Februar 2019

Alarmierungsmeldung am Freitag um 19:30 Uhr:

Kollabierte Person in Wohnung.

NEF und RTW treffen fast zeitgleich am Einsatzort, einem Mehrfamilienhaus im Innenstadtbereich ein.

Die Anruferin (Schwester des Notfallpatienten) steht im Eingangsbereich des Hauses und führt das Rettungsteam in die Parterrewohnung.

Angaben zur Vorgeschichte:

Sie berichtet dem Notarzt, dass bei ihrem Bruder vor ca. 2-3 Jahren eine psychotische Episode mit Unruhezuständen bestanden habe, die anschließend unter psychiatrischer Behandlung und einer Melperon- und Sertralin-Kombinationsmedikation zufriedenstellend behandelt werden konnte. Die neuroleptische Medikation konnte nach einem halben Jahr  wieder abgesetzt werden.

Am heutigen Abend sei sie nun von ihrem Bruder angerufen worden.

Ihr Bruder habe berichtet dass er seit einigen Tagen im beruflichen und privaten Bereich einem für ihn erheblichen Stress ausgesetzt gewesen sei. Aufgrund der daraufhin wieder aufgetretenen Unruhezustände habe er am heutigen Abend  7 Tabletten von dem in seinem Medikamentenschrank noch vorhandenen Melperon eingenommen.

Kurze Zeit nach der Medikamenteneinnahme habe dann das Gefühl einer zunehmenden Atemnot eingesetzt. Er habe daraufhin seine Schwester angerufen. Als diese in der Wohnung eintraf, sei der verkrampft auf einem Stuhl sitzende Patient bei Wechsel zwischen schneller und stockender Atmung und Schwäche dann kurzzeitig kollabiert, erfreulicherweise ohne resultierendes Sturztrauma.

Situation vor Ort:

Ein 27-jähriger Mann wird auf der Couch sitzend angetroffen. Der Patient ist wach und hebt den Kopf in Richtung Notarzt, als er ihn von der Seite anspricht.

Die Antwort des Patienten ist nun auffällig stockend mit immer wieder auftretenden Sprechpausen. Er gibt an, dass er phasenweise schlecht Luft bekäme.

Erstbefund:

Die Atemfrequenz liegt bei 8-10 Atemzügen pro Minute. Sauerstoffsättigung 92%. Eine Zyanose ist nicht feststellbar

Der Radialis-Puls ist gut tastbar. Blutdruck 115/80 mmHg, Puls 110/min mit rhythmischer Herzaktion.

Das abgeleitete EKG zeigt eine Schmalkomplex-Tachykardie ohne weitere Auffälligkeiten.

Die anamnestischen Angaben bezüglich der eingenommenen Melperon-Medikation ergibt für das vor Ort vorhandene und eingenommene Butyrophenon (100 mg) eine mögliche Gesamtdosis von 700 mg des Wirkstoffs.

Es erfolgt die telefonische Kontaktaufnahme mit der Giftnotrufzentrale.

Die mitgeteilte Dosis des Wirkstoffs würde – nach Ansicht des Giftnotrufs – bei dem vom Aspekt eher untergewichtigen Patienten (Körpergewicht  ca. 60-65 kg ) nahe an der gefährlichen Dosis des Butyrophenons von 10 mg/kg Körpergewicht liegen.

Im Verlauf der Erstuntersuchung tritt dann bei dem Patienten ein zunehmend stockender Atemrhythmus auf. Insbesondere bei der Einatmung tritt wiederholt ein Stopp in der Inspirationsbewegung auf, wobei der Patient kurzzeitig  blau anläuft. Auf das Kommando des Notarztes „weiter zu atmen“, das durch Klopfen mit der flachen Hand auf den Rücken  (zwischen den Schulterblättern) unterstützt wird, kann dieser Inspirationstopp dann rasch wieder gelöst werden.

Nun erfolgt  eine kurze Besprechung im Team hinsichtlich des weiteren Vorgehens. Die Durchsicht der im NEF mitgeführten Medikationsliste ergibt , dass das für Intoxikationen mitgeführte Medikationsspektrum annähernd der Bremer Intoxikationsliste also der „Minimalliste“ entspricht.

Die sogenannte „Bremer Liste“ unfasst bekannterweise 5 Antidota

-Atropin (100 mg)

-4-Dimethylaminophenol (4-DMAP)

-Naloxon

-Toloniumchlorid

-Aktivkohle

Das kurze Zeit später erneute Auftreten dieser Atemstörung kann ebenfalls durch lautere Aufforderung zum „Weiteratmen“ mit entsprechendem Klopfstimulus auf den Rücken beendet werden.

Die hier beschriebenen Atemstörungen treten anschließend mehrfach und in immer kürzeren Zeitabständen auf.

Die nächste Klinik mit freiem Intensivbett liegt in 30-minütiger Entfernung.

Frage:

Einordnung der Symptomatik ?

Diagnose ?

Weiteres präklinisches Procedere?

Dr. Gerrit Müntefering
Arzt für Chirurgie / Unfallchirurgie / Notfallmedizin
Lessingstr. 26
47445 Moers

Es handelt sich um eine aus 5 Antidota bestehende Minimalliste, die so genannte „Bremer Liste“:

  • Atropin (100 mg)
  • 4-Dimethylaminophenol (4-DMAP)
  • Naloxon
  • Toloniumchlorid
  • Aktivkohle

Vorstand der AGNNW wiedergewählt

Michael Bernhard neuer Fortbildungsbeauftragter

PD Dr. Michael Bernhard

Die ordentliche Mitgliederversammlung der AGNNW hat im Rahmen der Jahrestagung am vergangenen Wochenende den Vorstand nach Geschäfts- und Kassenbericht für die vergangene Wahlperiode entlastet. Alle Vorstandsmitglieder wurden einstimmig wiedergewählt. Lediglich die Position eines Fortbildungsbeauftragten wurde neu besetzt, weil Prof. Dietrich Paravicini sich nach 30 Jahren als Vorstandsmitglied nicht mehr zur Wahl stellte.

Sein Nachfolger wurde PD Dr. Michael Bernhard, dessen neue Aufgabe als Leiter der Zentralen Notaufnahme der Universitätsklinik Düsseldorf ihn vor einigen Monaten – zum Glück für uns – in das „AGNNW-Land“ führte.   Der neue Vorstand der AGNNW besteht nun aus Dr. Peter Gretenkort, Krefeld (Vorsitzender), PD Dr. Andreas Bohn, Münster (Stellvertr. Vorsitzender), Dr. Thomas Jakob, Herford (Stellvertr. Vorsitzender) und Dr. Olaf Weichert, Krefeld (Schatzmeister). Fortbildungsbeauftrage sind PD Dr. Michael Bernhard (Düsseldorf) und Prof. Dr. Thomas Weber (Bochum). Regionalbeauftragte für die fünf Regierungsbezirke sind Dr. Hella Körner-Göbel, Neuss (für Reg.Bez. Düsseldorf), Dr. Holger Wißuwa, Herne (für Reg. Bez. Arnsberg), Dr. Bernd Strickmann, Gütersloh (für Reg.Bez. Detmold), Dr. Martin Mühlmeyer, Coesfeld (für Reg.Bez. Münster), und Prof. Dr. Dr. Alex Lechleuthner, Köln (für Reg.Bez. Köln). Die satzungsgemäße Amtszeit des Vorstands beträgt zwei Jahre.


Erfolgreiche Jahrestagung 2019

Über 500 zufriedene Teilnehmer, hochkarätige Vorträge, ausgebuchte Workshops, Gespräche mit alten und neuen Bekannten in einer beinahe familiären Atmosphäre …  die 35. Jahrestagung hat unsere Erwartungen erneut übertroffen. Zahlreiche spontane Rückmeldungen der Teilnehmer  bestätigen uns, dass das Format der Jahrestagung – so wie es sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat – in allen Details großen Anklang findet und in der Summe das bewirkt, was wir uns erhoffen: einen wesentlichen Beitrag zur notärztlichen Fortbildung sowie zur Stärkung des notärztlichen Selbstbewusstseins und der notärztlichen Gemeinschaft in unserem Bundesland zu bilden. Dazu gehört neben der intensiven fachlichen und praktischen Fortbildung traditionell der Austausch mit den zuständigen Ministerien, den wir seit vielen Jahren pflegen.

An alle Teilnehmer, die der Veranstaltung seit Jahren die Treue halten, und an alle, die Teil der „Jahrestagungs-Familie“ werden wollen: Wir freuen uns auf ein Wiedersehen am 17./18. Januar 2020 in Köln!

Fall des Monats Januar 2019 / Teil 1 und 2


Alarmierungsmeldung am Dienstag 0:30 Uhr:

Männlicher Patient , 23 Jahre,  Status epilepticus

Situation vor Ort:

Annähernd zeitgleiches Eintreffen von NEF und RTW an einem Einfamilienhaus in einer Zechensiedlung. Eine ca. 50-jährige Frau (Mutter des Notfallpatienten) öffnet die Tür und führt das Rettungsteam in die engere Küche der Wohnung.

Hier wird ein 23-jähriger Patient mit (trotz kälterer Raumtemperatur) entblößtem Oberkörper auf dem Bauch liegend mit deutlicher Bewegungsunruhe vorgefunden. Auf dem Küchenboden findet sich eine Blutlache. Der Patient hat zwar die Augen geöffnet, reagiert aber nicht auf Ansprache.

Bei Versuchen der Rettungssanitäter, den Patienten in ein Raumareal ohne harte Möbelkanten zu ziehen, leistet dieser mit kräftigen Arm- und Beinbewegungen Widerstand. Notärztliche Abfrages zum aktuellen Ereignisablauf bei der Mutter. Diese kann keine Angaben machen. Die Frage nach einer vorbekannten Epilepsie ihres Sohnes wird von ihr verneint.  Ein regelmäßiger stärkerer Alkoholgenuss des Sohnes sei ihr ebenfalls nicht bekannt. Gefragt nach Drogenabusus, bestätigt die Mutter jedoch, dass der Sohn vorher schon einmal K-o.-Tropfen eingenommen hätte.

Weitere Informationen zur Erkrankungsvorgeschichte sind von der nicht sehr auskuntsbereiten Frau nicht zu erhalten.

Erstuntersuchung:

Eine Untersuchung des Patienten ist durch die starke Bewegungsunruhe und den Widerstand des Mannes stark erschwert. Es wird eine klaffende Augenbrauenplatzwunde links lateral als Blutungsquelle festgestellt. Unter erheblichem Krafteinsatz ist ein Blick in die Augen des Patienten möglich. Bei überwiegendem Blick zum Boden sind (trotz hellerer Küchenbeleuchtung) weite Pupillen beidseits erkennbar. Auch die Pulspalpation ist aufgrund der starken Bewegungsunruhe deutlich erschwert. Frequenz geschätzt über 110/min. Der Puls im Unterarmbereich ist ausreichend kräftig tastbar.

Der Patient muss mit 3 Ersthelfern am Boden gehalten werden.

Erstbehandlung:

Aufgrund des ausgeprägten Erregungszustands intranasale Gabe von 1 Ampulle Midazolam (5 mg) über MAD verteilt auf beide Nasenlöcher. Es zeigt sich allerdings auch nach einigen Minuten keine nennenswerte dämpfende Wirkung auf den Unruhezustand. Aufgrund dessen nochmalige intranasale Gabe der gleichen Midazolam-Dosis  6 Minuten später. Ein sedierender Effekt ist allerdings auch nach dieser 2.Gabe  nicht erkennbar. Bei aufgebrauchtem Bestand des niedrig dosierten Midazolams wird bei persistierender Unruhe und anhaltendem Widerstand des Patienten nun auf das höher konzentrierte Midazolam des Kinderkoffers (15 mg / 3ml) zurückgegriffen.

Auch nach Gabe von 15 mg Midazolam über MAD intranasal ist ein Sistieren der Unruhezustände weiterhin nicht erkennbar.

Weiteres Procedere ? / Teil 2

Die Polizei wird nachgefordert und ist 10 Minuten nach Alarmierung vor Ort. Von den Polizeibeamten werden dem rebellierenden Patatienten nun Handschellen angelegt und die strampelnden Beine mit Kabelbindern im Sprunggelenksbereich ruhiggestellt.

Dennoch ist die Bewegungsunruhe des Patienten so ausgeprägt, dass die Anlage eines intravenösen Zuganges nicht möglich ist.

Nach nochmaliger Gabe von 15 mg Midazolam über MAD intranasal kommt es schließlich zum langsamen Sistieren der Unruhezustände. Ein am Finger gehaltener Pulsoximeter ergibt eine Herzfrequenz von 120/min mit Sauerstoffsättigung von 95%.

Der Patient kann auf das Tragetuch gelegt werden und zur Trage des KTW transportiert werden.

Während des Transportes in das nahe gelegene  Krankenhaus mit CT- / MRT-Ausstattung und mit neurologischer Abteilung muss der auf der Trage liegende unruhige Patient (trotz Handschellen und  Gurtixierung) noch von beiden Seiten stabilisiert werden.

Der diensthabende Arzt der ZNA des angefahrenen Krankenhauses teilt mit, dass ihr einzig freies Intensivbett gerade im Moment durch einen beatmungspflichtigen neuen Patienten belegt wurde.

Der erstversorgenden Notarzt wird zum Zeitpunkt der ZNA-Übergabe für einen Folgeeinsatz alarmiert.  

Die relevanten Informationen der aktuellen Vorgeschichte können von ihm jedoch noch mitgeteilt werden.

Nach telefonischer Verlaufsabfrage des erstversorgenden Notarztes wird ihm 2 Stunden später berichtet, dass der Patient nach chirurgischer Versorgung der Augenbrauenplatzwunde in ein Krankenhaus der Nachbarstadt mit noch freien Intensivkapazitäten verlegt worden wäre.

Am  späten Nachmittag des Ereignistages dann Telefonat des Notarztes mit der Intensivstation des weiterbehandelnden Krankenhauses. Vom diensthabenden Arzt wird mitgeteilt, dass der Patient unter Fortführung der Sedierung mit Benzodiazepinen und Fixierung mit Bettgurten allmählich besser führbar gewesen sei. Der Patient habe das Krankenhaus am Mittag des gleichen Tages auf eigenen Wunsch gegen ärztlichen Rat verlassen.

Von einem Notarztkollegen,der diesen Fallverlauf kannte, wird dann 1 Tag später berichtet , dass er (am Tag 3 nach dem oben beschriebenen Erstereignis) erneut als Notarzt zur oben genannten Adresse gerufen worden sei. Hier habe er den 23-jährigen Patienten bewusstlos vorgefunden. Es bestand ein Monokelhämatom links.

Der Patient wurde in eine Klink der Maximalversorgung transportiert.

Diagnose ?

Dr. Gerrit Müntefering
Arzt für Chirurgie / Unfallchirurgie / Notfallmedizin
Lessingstr. 26
47445 Moers

Beschlüsse der Kammerversammlung der ÄKNO zum Telenotarzt und zur Qualifikation von Leitstellendisponenten

26. November 2018

Die Kammerversammlung Nordrhein hat in ihrer Sitzung am 24.11.2018 zwei Beschlüsse mit rettungsdienstlicher Relevanz gefasst.

Zum Thema „Telenotarzt“:

Geplante landesweite Implementierung eines „Telenotarztsystems“

Die Kammerversammlung begrüßt die Entwicklung telemedizinischer Unterstützungssysteme im Rettungsdienst. Solche Systeme können nur als eine Ergänzung der bereits bestehenden Notarztstandorte eingeführt werden. Die telemedizinische Einsatzbegleitung des nicht-ärztlichen Personals bei Einsätzen ohne Notarztindikation kann zu einer Qualitätssteigerung im Rettungsdienst führen.

Auch nach der Einrichtung eines telemedizinischen Unterstützungssystems muss die jederzeitige und kurzfristige Präsenz des Notarztes am Einsatzort zur Behandlung von Notfallpatienten landesweit gewährleistet sein.

Eine Reduktion von Notarztstandorten darf durch eine Implementierung eines „Telenotarztsystems“ nicht erfolgen.

 

Zum Thema Leitstellenqualifikation:

Qualifikation von Leitstellendisponenten

Die Disponenten der Leitstellen im Rettungsdienst haben eine zentrale Rolle bei der Alarmierung des geeigneten Einsatzmittels (KTW, RTW, Notarzt).

Daher ist neben einer strukturierten und standardisierten Notrufabfrage für die Disponenten die höchste Qualifikation (vormals Rettungsassistent – jetzt Notfallsanitäter) für das nicht-ärztliche Personal zu fordern.

Nachzulesen unter https://www.aekno.de/page.asp?pageID=10215

NRW- Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann kündigte am 10. Oktober gegenüber der Rheinischen Post den flächendeckenden Einsatz von sogenannten „Tele-Notärzten“ an. Die Nachricht traf auf große Resonanz in den Medien, löste aber unter Fachleuten auch Überraschung aus. Ist jetzt tatsächlich der Zeitpunkt, um ein solches Projekt landesweit zu propagieren? Stellt es angesichts steigender Einsatzzahlen und Kosten einerseits und bei drohendem Fachkräftemangel und Mittelknappheit andererseits die Lösung struktureller Probleme im Rettungsdienst dar? Sind die Pro´s und Con´s ausreichend erörtert? Wie denken die Notärzte darüber?
Der Vorsitzende der AGNNW wurde in der Rheinischen Post aus einem ausführlichen Telefon-Interview mit einer Reihe von Pro-Argumenten zitiert (1). Um hier nicht das Missverständnis aufkommen zu lassen, die AGNNW würde den sogenannten „Telenotarzt“ ohne Vorbehalte unterstützen, wollen wir an dieser Stelle einen „Faktencheck“ vornehmen. Zu den Fakten gehört, dass wir den „Telenotarzt“ nach wie vor in Anführungszeichen setzen, um dadurch klar zu machen, dass der Notarzt am Funk nicht mit dem Notarzt am Einsatzort gleichgesetzt werden darf. Dies muss vor allem dem Bürger und potenziellen Patienten klar sein. Fakt ist aber auch, dass wir heute – anders als noch vor 10 Jahren – die stetig zunehmenden Möglichkeiten der Telemedizin im Rettungsdienst wertschätzen. Die Aachener Kollegen haben über viele Jahre ein bemerkenswertes Projekt vorangetrieben und in den Routinebetrieb übernommen. Sie konnten Praktikabilität und technische Machbarkeit unter Beweis stellen und für ihren Bereich Kostenvorteile errechnen. An mehreren Standorten in Deutschland (u.a. Greifswald, Oldenburg, Straubing, Main-Kinzig-Kreis) finden derzeit entsprechende Folgeprojekte statt. Die BAND hat in einem Positionspapier 2016 den Einsatz der Telemedizin trotz rechtlicher Vorbehalte als eine additive Maßnahme zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung von Notfallpatienten eingeordnet (2). Mit dem neuen Ausbildungsberuf im Rettungsdienst nehmen zugleich die Möglichkeiten zu, medizinische Maßnahmen am Patienten durch Notfallsanitäter eigenverantwortlich und bei Notwendigkeit unter telemedizinischer ärztlicher Supervision vornehmen zu können.
Fakt ist aber auch, dass die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin 2016 in einer Strukturempfehlung „Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin“ (3) neben möglichen Indikationen für den „Telenotarzt“ (z.B. Begleitung von Interhospitaltransporten bei stabilen Patienten) zugleich Indikationen aufführt, die ausdrücklich dem „konventionellen Notarzt“ vorbehalten sind. Hierunter finden sich auch die zeitkritischen Krankheitsbilder (Tracerdiagnosen), denen im „Eckpunktepapier 2016 zur notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung“ (4) besondere Anforderungen an Therapie, Einsatztaktik und Zeitmanagement sowie Wahl des geeigneten Zielkrankenhauses zugeordnet werden, wie z.B. Polytrauma, Herzinfarkt, Schlaganfall (mit Bewusstlosigkeit) und Reanimation. In der DGAI-Kommission Telemedizin und eHealth sind die Aachener Kollegen federführend vertreten. Von der Intention eines grundlegenden Ersatzes des Notarztes im Einsatz am Patienten vor Ort kann daher nicht die Rede sein. Auch der Minister spricht von einer „ergänzenden“ Einführung des „Tele-Notarztes“ unter Beibehaltung des Rendezvous-Systems. Die Implementation eines „Telenotarzt“-Systems kann nach individueller Prüfung – abhängig von den lokalen und regionalen Gegebenheiten – eine Qualitätsverbesserung darstellen. Dennoch gibt es ungelöste Probleme bei Patienteneinwilligung, Datenschutz und technischer Übertragungssicherheit. Die Stadtverwaltung Köln wies nach einer Erprobungsphase in einer Stellungnahme an den Rat der Stadt ebenfalls 2016 auf nicht unerhebliche Aufwendungen für die Beschaffung der Technik, der Wartung und insbesondere für die Schulung von Mitarbeitern hin (5). Mit Spannung erwarten wir daher Ergebnisse einer unabhängigen wissenschaftlichen Studie der Universität Maastricht zu Effektivität, Effizienz und Akzeptanz.
Jede Kommune muss bei vollständiger Ausstattung ihrer Rettungswagen mit nicht unerheblichen Anfangsinvestitionen rechnen. Die nachfolgend erhoffte Kostenreduktion im Personalbereich kann nur effektiv sein, wenn eine regionale interkommunale Zusammenarbeit zustande kommt, wenn sich Kommunen also einen „Telenotarzt“ teilen bzw. sich an
den Kosten einer Nachbarkommune beteiligen. Hier eine flächendeckende Verbreitung zu erreichen, wird nicht einfach sein, zumal das Ministerium in anderen Fragen, z.B. bei der Forderung nach Unterstützung der Einführung von Ersthelfer-Apps, regelmäßig auf die Planungshoheit der Kommunen verweist.
Die Rheinische Post ergänzt in ihrer Ausgabe vom 11.10.18 den redaktionellen Beitrag auf der Titelseite um einen Kommentar auf Seite 2 und nimmt dort Bezug auf den „exzellenten“ Ausbildungsstand des rettungsdienstlichen Personals im internationalen Vergleich (6). Gut ausgebildete Notfallsanitäter sind die Grundvoraussetzung für ein funktionierendes „Telenotarzt“-System. Bei aller Kompetenz, die der Notfallsanitäter nach dreijähriger Ausbildung mitbringt, handelt es sich dennoch im internationalen Vergleich noch nicht um Exzellenz. Nachbarländer haben weit umfangreicher ausgebildete Paramedics (7). Hinzu kommt, dass gerade NRW sich bei der Ausbildung von Notfallsanitätern nicht beeilt hat. Noch gibt es die „Dreijährigen“ (also die Notfallsanitäter mit Vollausbildung) nicht bzw. nicht flächendeckend, welche die „in der Ausbildung erlernten und beherrschten, auch invasiven Maßnahmen“ eigenverantwortlich oder im Rahmen der Mitwirkung nach Delegation vornehmen.
Die Forderung des Ministeriums nach flächendeckender Einführung des „Telenotarztes“ sollte daher niemanden euphorisch stimmen. Ein solcher Prozess wird einige, wahrscheinlich viele Jahre in Anspruch nehmen. Die AGNNW wendet sich nicht gegen den „Telenotarzt“. Wir wollen jedoch darüber andere aktuell sinnvolle und ebenso wichtige, aber bisher unerreichte Ziele zur Verbesserung der prähospitalen Notfallmedizin nicht vergessen. Hierzu zählt die landeseinheitliche Delegation ärztlicher Maßnahmen über Standard-Arbeitsanweisungen durch den Ärztlichen Leiter Rettungsdienst an entsprechend aus- und fortgebildete Notfallsanitäter. Dazu gehört auch neben den bereits angesprochenen Ersthelfer-Apps eine konsequente Einführung von Reanimationsunterricht in den Schulen ab Klasse 7, wie sie von der Kultusministerkonferenz bereits 2014 beschlossen wurde, und die weitere Stärkung der Telefonreanimation – alles Maßnahmen zur Verkürzung des therapiefreien Intervalls – sowie die Implementierung standardisierter, strukturierter Notruf-Abfragen in den Leitstellen. Standardisierte Abfragen schonen die Ressource Notarzt, Telefonreanimation und Ersthelfer-Apps können Menschenleben retten – und das landesweit!

Der Vorstand der AGNNW, am 12. Oktober 2018

1) Rheinische Post (11.10.18). NRW will Tele-Notärzte einführen.
URL https://rp-online.de/nrw/landespolitik/nrw-tele-notaerzte-sollen-notfaelle-kuenftig-aus-der-ferne-beurteilen_aid-33594685
2) Gretenkort P, Beneker J, Dörges V, Fischer L, Kann D, Sefrin P (Arbeitskreis Strukturfragen der BAND). Strukturänderungen in der präklinischen Notfallmedizin – Standortbestimmung 2016. Notarzt 2016; 32(06): 264-270.
URL www.band-online.de/pdf.php?id=8330&lang=de&name=Strukturpapier
3) DGAI (2016). Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin: Strukturempfehlung der DGAI. Anästhesiologie & Intensivmedizin 57:160-166.
URL https://www.bda.de/files/Mrz_2016_-_Aus_der_Kommission_Telemedizin.pdf
4) Fischer M, Kehrberger E, Marung H, et al. (2016). Eckpunktepapier 2016 zur notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung in der Prähospitalphase und in der Klinik. Notfall- und Rettungsmedizin DOI 10.1007/s10049-016-0187-0.
URL https://www.uni-kiel.de/anaesthesie/docs/RD/Eckpunktepapier_2016_1.pdf
5) Stadtverwaltung Köln (2016). Beantwortung einer Anfrage der FDP-Fraktion im Rat der Stadt Köln (AN/1895/2015).
URL https://ratsinformation.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=539346&type=do&
6) Reisener T (11.10.18). Keine Angst vor den neuen Tele-Notärzten.
URL https://rp-online.de/panorama/deutschland/telenotaerzte-sind-eine-chance-fuer-den-rettungsdienst_aid-33595247
7) Gretenkort P, Beneker J, Dörges V, Sefrin P, Fischer L, Riebandt F (Arbeitskreis Strukturfragen der BAND). Einsatz von Notärzten in Ländern mit Paramedic-System. Notarzt 2017; 33(06): 272-278

Bereits im Frühjahr 2012 wurde auf Anregung des European Resuscitation Council (ERC) zur Steigerung der Laienreanimation im Europaparlament eine Deklaration zur Einführung des „European Restart a Heart Day“ (ERAHD) von mehr als 50 % der Abgeordneten unterschrieben. Die Erklärung können Sie sich hier anschauen. Der ERAHD fand erstmals am 16. Oktober 2013 unter dem Motto „KIDS SAVE LIVES“ in mehr als 20 europäischen Ländern statt. Der 1. World Restart a Heart Day am 16. Oktober 2018 Dieses Jahr wird erstmalig und anlässlich der WRAH-Initiative der World Restart a Heart Day unter dem Motto „All citizens of the world can save a life“ – „Jeder, überall auf der Welt, kann Leben retten“ gefeiert. Auch alle sieben ILCOR Ratsgremien American Heart Association Australian and New Zealand Committee on Resuscitation European Resuscitation Council Heart and Stroke Foundation of Canada InterAmerican Heart Foundation Resuscitation Council Asia Resuscitation Council of Southern Africa unterstützen die globale Initiative. Der WRAH-Day wird ab 2018 jährlich stattfinden.