Fall des Monats Mai 2019

Alarmierungsmeldung am Freitag um 18:00 Uhr:

NA-Anforderung zum Sekundärtransport eines Kindernotfalls von der zentralen Notaufnahme eines Krankenhauses der Grundversorgung zur Kinderklinik

Situation vor Ort:

Eintreffen des NEF in der zentralen Notaufnahme 6 Minuten nach der Alarmierungsmeldung

Der diensthabende Krankenhausinternist teilt mit, dass vor ca. 45 Minuten ein 11-jähriger Junge in Begleitung seines Vaters in der zentralen Notaufnahme des Krankenhauses eingetroffen sei. Bei dem Jugendlichen soll 30 Minuten zuvor ein stärkerer Schwindel,  eine auffällig beschleunigte Atmung und auch eine kurzzeitige Schwäche seines Sohns aufgetreten seien..

Bei der weiteren Anamneseerhebung habe der Vater mitgeteilt, dass seine Ehefrau ( leibliche Mutter des Jungen) 4 Monaten zuvor an einem Tumorleiden verstorben wäre. Der Junge habe den Tod der Mutter, der aufgrund der Malignomerkrankung absehbar gewesen sei, psychisch – trotz engagierten Hilfen aus der Verwandtenkreis – schlecht verkraftet.

Gesundheitliche Probleme seien bei dem Jugendlichen bisher nicht bekannt. Auch in den vorangangenen Wochen und auch am aktuellen Tag keinerlei Auffälligkeiten.

In der Schulklasse des Jungen seien allerdings derzeit viele Mitschüler krankheitsbedingt abwesend bei grasierender Erkältungswelle.

Nun sei es in Zusammenhang mit einer geplanten Übernachtung des Jungen bei einem Freund zu einer Auseinandersetzung von Vater und Sohn gekommen.

Der Vater betont, dass es dabei doch im Wesentlichen sachlich zugegangen sei.

Der Junge sei dann aus der elterlichen Wohnung gerannt und sei dann 2 Minuten später von seinem Vater auf dem Hof liegend vorgefunden worden. Der Junge sei ansprechbar gewesen, habe allerdings über stärkeren Schwindel geklagt und habe auffällig schnell geatmet. Dieses schnelle Atmung des Jugendlichen sei –   trotz beruhigendem Einreden des Vaters – nur kurzzeitig unterdrückbar gewesen. Daraufhin Entscheidung des Vaters zur Vorstellung des Jungen im Krankenhaus.

Befund der Erstuntersuchung:

Zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung ist der Jugendliche unruhig und agitiert. Erhöhte  Atemfrequenz von 16 -18 / Min. Ansonsten sind die Vitalparameter unauffällig : RR 130/80 mmHG, Puls 102 / min SaO2: 96 % Temp.(Ohr ) 38,3°c Pupillen mittelweit . Reaktion auf Licht und Konvergenz prompt. Keine Paresen, keine Muskeltonuserhöhung der Extremitäten, aber spürbar mäßig erhöhter Muskeltonus der Nackenmuskulatur.

An der Stirn des Jungen befindet sich 2 streifige Rötungen in sagittaler Ausrichtung mit leichter Schwellung der Umgebung. Hier müsse der Junge – nach Ansicht des Vaters – wohl im Hof gestürzt sein.  Ansonsten keine äußeren Verletzungszeichen. Extremitäten gut beweglich. Brustwirbelsäule.und Lendenwirbelsäule o.B.

Der Junge ist – bei der Befragung in Gegenwart seines Vaters – einsilbig.

Der diensthabende Internist habe daraufhin eine weitere Beobachtung des Jungen in einer Kinderklinik mit neuropädiatrischer Mitbehandlungsmöglichkeit für sinnvoll erachtet und den Sekundärtransport über die Leitstelle veranlasst.

Transportverlauf:

Auch während des RTW-Transports in die Kinderklinik ist der Junge wortkarg.

Während des RTW-Transports wiederholt kurze Tachypnoe-Phasen, unauffällige Vitalparameter. Die Verspannung der Nackenmuskulatur ist weiterhin vorhanden.

 

In welche Richtung sollte man weiter abklären ?

 

Dr. Gerrit Müntefering
Arzt für Chirurgie / Unfallchirugie / Notfallmedizin
Lessingstr. 26
47445 Moers

 

2 thoughts on “Fall des Monats Mai 2019

  1. Schwierige Konstellation:
    1. Im Rahmen der Tachypnoe, Temperatur Nackensteifigkeit muss an ein fieberhaften bakt Infekt gedacht werden – Pneumokokken, Meningokokken? – mit demnach weitreichenden Konsequenzen für das gesamte Umfeld und notwendiger Meldung an die weiterversorgende Klinik, un das am Wochenende.
    2. Im Rahmen des unbeaufsichtigten Sturz auf dem Hof mit sagittalen Streifen ist eine Sturzfolge mit intracranialer Veränderung möglich- Beobachtung und ggf CT.

  2. Weiterer Verlauf des Mai-Falls 2019 :

    Der Forumsteilnehmer hat relevante Probleme bereits gut erkannt und angesprochen !
    Mögliche Meningitis-Anzeichen , aber auch mögliche traumatische intrakranielle Blutung

    Unter dieser Konstellation werden die Transportwege zum geeigneten Klinikum meistens länger als üblich.
    Es wird somit ein zügiger Transport in ein Klinikum mit erweitertem Versorgungsspektrum ( mit Neurochirurgie ) eingeleitet unter Vorankündigung eines möglichen bakteriellen Meningitisfalls.

    Weiterer Verlauf in der Klinik:
    Eine Meningitis kann durch die sofort eingeleitete Diagnostik im Klinikum erfreulicherweise ausgeschlossen werden. Auch eine traumatische intrakranielle Blutung wird im zeitnah veranlassten Cranio-CT nicht gesehen.
    Der Notarzt gibt dem diensthabenden Arzt der ZNA bei seiner Übergabe noch den Hinweis, dass möglicherweise auch eine problematische Familienkonstellation vorliegen könnte und daher eine Befragung des Jungen durch einen geeigneten (einfühlsamen, in dieser Richtung versierten) Kollegen vielleicht weiter bringen könnte.

    Bei einem Telefonat des Notarztes mit der Klinik zur Verlaufsabfrage 2 Tage später, bedankt sich der hier involvierte Aufnahme-Arzt der ZNA für den letztgenannten Hinweis.

    Eine am Folgetag durchgeführte Befragung des Jungen in entspannter Situation durch eine Psychologin ergibt im Verlauf des 2. stationären Tages, dass der Vater des Jungen wohl bereits zu Lebzeiten seiner Ehefrau mehrfach Gewalt im Kreis der Familie angewandt hätte. Diese aggressive Haltung habe sich auch nach dem Tod der Ehefrau fortgesetzt. Nach Angaben des nun mehr gesprächsbereiten Jungen sei auch die Prellmarke an seinem Kopf in einer kürzlichen Auseinandersetzung durch den Vater verursacht worden.
    Der Vater des Jungen wird daraufhin mit dieser Problematik konfrontiert, ist dann schließlich auch eingeschränkt geständig, bagatellisiert jedoch seine Handlungen, die immer gerechtfertigt gewesen seien.
    Das Jugendamt wird daraufhin informiert und hinzugezogen.
    Der auch weiterhin betroffene und alterierte Junge kann am 4.stationären Tag vom erstbehandelnden Klinikum in eine fachtherapeutische Institution mit psychosomatischer Ausrichtung verlegt werden.

    Dr. Gerrit Müntefering
    Arzt für Chirurgie / Unfallchirugie / Notfallmedizin
    Lessingstr. 26
    47445 Moers

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