Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen

AGNNW

Fall des Monats August 2018

Alarmierungsmeldung

Freitag Abend 21:30 Uhr :  „bevorstehende Geburt“

Situation vor Ort:

Eintreffen des Rettungsteams 9Minuten nach Alarmierung an der Einsatzstelle in einem Einfamilienhaus im Zentrum einer Kleinstadt.

Das Rettungsteam findet eine 28-jährige Frau in der 38. Schwangerschaftswoche vor. Die Schwangere teilt mit , dass die Fruchtblase wohl noch nicht geplatzt sei. Sie läuft etwas aufgeregt in der Wohnung umher. Es handelt sich um eine I-Gravida. Wehen nach Angaben der Schwangeren im Abstand von 5-6  Min. Der Mutterpass kann eingesehen werden.

Hier wird eine bis dato unauffälliger Schwangerschaftsverlauf nachvollziehbar, Kindsgröße liegt sonografisch im unteren Normbereich.

Relevante Vorerkrankungen der Schwangeren sind nicht dokumentiert : Kein Diabetes mellitus, keine Hinweise eine schwangerschaftinduzierte Hypertonie (SIH )mit Risiko der  Eklampsie / kein HELLP-Syndrom

keine arterielle Hypertonie.

Die Patientin wird sofort in die liegende Position überführt, bei diesem vorsichtig unterstützten Transfer platzt die Fruchtblase.

Erstuntersuchung der Schwangeren im Liegen:

Blutdruck 120/70 mmHg, Herzfrequenz 105 /min. SpO2 99%.

Die Farbe des Fruchtwassers ist leicht gelblich und klar.

Nach Vorankündigung einer Inspektion des Introitus mit Einwilligung der Schwangeren erfolgt dann die Sichtung des Schambereichs . Im Bereich der Vulva wird ein Stück Nabelschnur sichtbar, an dem ein kräftiger Puls tastbar ist.

Unter einer erneut einsetzenden Wehe wird der Kindskopf noch nicht im Introitus sichtbar. Die Pulsation im Verlauf der Nabelschnur wird aber deutlich schwächer.

Die nächste geburtshilfliche Klinik als Level 3 -Klinik  (perinatale Schwerpunktklinik mit geburtshilflicher Abteilung plus Kinderklinik ) wäre mit Fahrzeit von 15 Minuten erreichbar.

Die Anlage eines intravenösen Zugangs ist erfolgt .

Berotec®  als Dosieraerosol ist vorhanden.

Ansonsten sind keine geburtshilflich relevante Medikation auf dem NEF oder dem RTW bevorratet.

Weiteres Vorgehen ?

Dr. Gerrit Müntefering

Arzt für Chirurgie / Unfallchirurgie / Notfallmedizin

Lessingstr. 26

47445 Moers

Kategorie: Fall des Monats
  • U. Dregger sagt:

    Hier liegt offenbar ein Nabelschnurvorfall mit drohender kindlicher Minderperfusion durch Nabelschnurkompression während den Wehen.
    Maßnahmen: Tokolyse mittels Berotec unter Ekg Kontrolle. Beckenhochlagerung und manuelles Zurückhalten des Kopfes zur Entlastung der Nabelschnur. Schnellstmöglich Transport zur Not-Sectio nach entsprechender Voranmeldung.

  • Katrin sagt:

    Ich hätte es auch so gemacht.
    Allerdings muss man bedenken, dass Berotec nicht zur Tokolyse zugelassen ist und einen off-label-use darstellt. Damit wäre eine Aufklärung und Einwilligung notwendig; ob sich unter den genannten Umständen eine formaljuristisch rechtsgültige Einwilligung einholen lässt, wage ich zu bezweifeln. Man befindet sich also weniger in einem medizinischen als in einem rechtlichen Spannungsfeld.

  • Gerrit Müntefering sagt:

    Weiterer Verlauf des August-Falls 2018:

    Es ist erfreulich, dass alle Diskussionsteilnehmer in einer so brenzligen Situation die gleiche Strategie wählen würden.

    Die vorgefallene Nabelschnur wird unter der Wehentätigkeit zwischen Kindskopf bzw Kindskörper und der Wand des straff gespannten unteren Unterinsegments komprimiert,wodurch die Sauerstoffversorgung des Kindes gefährdet ist.
    Also versucht man durch Lagerungsmaßnahmen (steile Beckenhochlagerung) und manuelles Zurückdrücken des kindlichen Kopfes, die Nabelschnur vom komprimierenden Druck zu entlasten. Dieser manuelle Schub durch den Ersthelfer muss dann natürlich kontinuierlich während des gesamten Transports bis in den Operationssaal aufrecht erhalten werden und dann noch weiter bis zur erfolgreichen Schnittentbindung.
    Da in dieser Situation auch eine Tokolyse / Wehenhemmung sinnvoll ist, aber kein Wehenhemmendes Medikament zur intravenösen Gabe auf den Fahrzeugen verfügbar ist (wie das Beta2-Sympathomimetikum Fenoterol (Partusisten®), könnte die Gabe des vorhandenen Berotec®-Dosieraerosols erwogen werden, das den gleichen Wirkstoff enthält.
    Berotec® (als Dosieraerosol zur Therapie von Atemwegsobstruktionen) ist für die Wehenhemmung eine „Off-label“-Anwendung und es ist auch fraglich, wieviel des Wirkstoffes bei einer aufgeregten Schwangeren letztendlich an der Gebärmutter ankommt.
    Wenn man das Berotec® trotz des off-label-use anwenden will, muss man die schwangere Patientin natürlich über dieses Vorgehen aufklären.

    In unserem Fall wird der Versuch mit dem Dosieraerosol unternommen.
    Als Nebenwirkung von Beta2-Sympathikomimetika ist mit Tachykardien zu rechnen, weshalb eine Monitorkontrolle erfolgt.
    Nach Voranmeldung in der geburtshilflichen Abteilung der Klinik erfolgt der zügige Transport mit Sonderrechten.
    Der Einfluss des gesprühten Fenoterols ist nach Ansicht des manualtherapeutisch tätigen Notarztes kurz vor dem Eintreffen in der Klinik leicht spürbar.

    Die Patientin wird sofort zur Schnittentbindung in den bereits vorbereiteten OP gebracht, wo ein Mädchen zur Welt kommt. Das Kind ist anfänglich leicht bradycard bei 90 / min, erholt sich jedoch nach Sauerstoffgabe rasch.

    Stress pur…. Aber alles ist noch mal gut gegangen !

    Dr. Gerrit Müntefering
    Arzt für Chirurgie / Unfallchirurgie / Notfallmedizin
    Lessingstr. 26
    47445 Moers

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