Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen

Alarmierungsmeldung Montag 16:15 von Hausarztpraxis (FA für Allgemeinmedizin):

69-jähriger Mann, vermutlich allergisches Geschehen mit Gesichtsoedem

Situation vor Ort und Anamnese

6 Minuten nach Alarmierung Eintreffen des RTW in der Hausarztpraxis. Der Patient befindet sich im Behandlungszimmer des Hausarztes.

Der Hausarzt berichtet, dass der 69-jährige Mann, der zuvor noch nicht in der Praxis bekannt war, aufgrund einer zunehmenden Schwellung im Gesichtsbereich bei ihm vorstellig geworden sei, Bei der ersten Befundsichtung habe der Hausarzt an ein allergisches Geschehen mit anaphylaktischer Reaktion gedacht. Daraufhin auch sofortige Alarmierung der Rettungsleitstelle. Die Anamnese-Erhebung habe dann aber andere Aspekte ergeben.

Der Patient habe dann berichtet, dass er vor vierzehn Tagen aufgrund einer rechtsseitigen Lungenfistel in der thoraxchirurgischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses gelegen habe. Es sei in diesem Zusammenhang eine Thoraxdrainage gelegt worden zunächst konnnektiert mit 3-Kammersystem und Unterwasserschloss (siehe Foto) . Das 3-Kammersystem konnte bei zufriedenstellendem Verlauf 4 Tage zuvor (kurz vor Krankenhausentlassung) entfernt werden.

Der Patient konnte dann bei weiter unauffälligem stationärem Verlauf vor zwei Tagen mit liegender Thoraxdrainage entlassen werden.

Seit dem Morgen des Einsatztages habe der 69-jährige Patient nun eine zunehmende Schwellung im Oberkörper und Gesichtsbereich bemerkt.

Erstbefund:

69-jähriger Mann sitzt ruhig auf einem Stuhl und unterhält sich mit seiner Ehefrau.

Bei der Erstbefunderhebung durch das Rettungsteam zeigt sich ein freier Atemweg. Keine zentrale oder periphere Zyanose. Bei der kurzen Inspektion der Mundhöhle keine Schwellungen der Mundschleimhaut. Keine subjektive Dyspnoe. Atemfrequenz: 14/min. Sp02 99 % Herzfrequenz von 89bpm, und RR 162/69mmHG. Das abgeleitete Extremitäten-EKG zeigt einen Sinusrhythmus.

Die Thoraxauskultation ergibt ein seitengleiches Atemgeräusch, rechts basal leicht abgeschwächt.

Die körperliche Untersuchung zeigt auffällige Schwellungen von Gesicht, dem Oberkörper bis hin in beide den oberen Extremitäten (nachfolgende Abbildung ähnlich) . Beim Palpieren der Schwellungen ist ein deutliches Knistern zu spüren und auch hörbar.

Der Verband an der Austrittsstelle der Thoraxdrainage zeigt an den Kompressen keinen vermehrten lokalen Sekretaustritt. Auch der Schlauch der Thoraxdrainage zeigt keine Auffälligkeiten.

Der mit der Thoraxdrainage konnektierte Beutel befindet sich in einer weiten Umhängetasche, die beim Entkleiden des Oberkörpers vom Patienten an die Stuhllehne gehängt wurde. Die Umhängetasche erscheint gebläht.

Weiteres Vorgehen:

Rascher unterstützter Transport des Patienten in den RTW.

Unter Belastung zeigt sich der Patient stark angestrengt, leichte Tachypnoe bei unverändert guten Sp02-Werten.

Auf die Anlage eines i.v. Zuganges wird verzichtet, da die oberen Extremitäten – hautemphysembedingt – sehr stark geschwollen sind.

Weitere Recherche:

Telefonische Rücksprache mit der behandelnden Thoraxchirurgie. Laut diensthabendem Chirurgen wurde der Drainage-Beutel eigentlich so angelegt, dass sich die dort ansammelnde Luft durchgehend entleeren kann.

Verdachtsdiagnose?

Weitere Maßnahmen?

Yunis Ernst
Notfallsanitäter in Ausbildung
Van-den-Bergh-Straße 9
47533 Kleve

4 thoughts on “Fall des Monats Februar 2026

  1. Verdachtsdiagnose: Dislokation oder Verstopfen der einliegenden Thoraxdrainage mit entsprechend progredientem Ganzkörper-Hautemphysem, ggf. auch erneute Pneumothorax-Ausprägung bei fehlendem Sog
    Maßnahme: Drainagebeutel öffnen – wenn Luft daraus entweicht, dann kann diese Luft zumindest nicht in den Patienten rein fließen; wenn im RTW Adapter vorhanden, probatorisch versuchen Sog auf die Drainage zu bekommen und parallel hierzu ohne Zeitverzug rasch in idealerweise primärversorgende Thoraxchirurgie zur weiterführenden Diagnostik (Rö-Thorax/ CT Thorax usw.) transportieren

    1. Pleura-US um das Vorhandensein des Pneumothorax ggf. auszuschließen. Falls nicht ausgeschlossen und der Pat. während des Transports zur ThCH doch respiratorisch insuffizient, bzw. intubationsflichtig wird, wäre die Neuanlage der Thoraxdrainage indiziert.
      Auf den Venenzugang würde ich nicht verzichten – dieser Pat. hat potenzielles lebensbedrohliches B Problem und wahrscheinlich nicht ganz kurze Transportzeit vor sich.

  2. @ Sino: man kann Pleurasono sicherlich probieren, aber ob es klappt mit Oberkörperemphysem… Neuanlage klar. Ich würde es nicht primär machen, wenn es irgendwie geht – bei einer voroperierten Lunge kann es schwer nach hinten los gehen. Den Zugang würde ich persönlich, wenn es längere Zeit in Anspruch nehmen sollte, streichen, wenn das mit dem örtlichen KH stimmt, dann ist das KH ja in kurzer Fahrweite. Ansonsten Bohrer bereit legen.

  3. Die bisherige Falldiskussion im Forum ist sehr interessant gewesen.
    Wie Akane schon angemerkt hatte, wäre die Lungensonografie unter Berücksichtigung des erheblichen Hautemphysems fraglich erfolgversprechend gewesen. Entsprechend seines Diskussionsbeitrags wurde – wie bereits erwähnt- bei noch stabilem Zustand des Patienten auch auf eine Manipulation am Drainagesystem und auch auf die Anlage eines i.v.-Zuganges verzichtet, da die Weichteile der oberen Extremitäten massiv geschwollen waren. Vom kontaktierten diensthabenden Klinikchirurgen war ja bereits mitgeteilt worden, dass der Drainage-Beutel eigentlich so präpariert sei, dass sich die dort ansammelnde Luft durchgehend entleeren müsste. Im Rahmen des daraufhin eingeleiteten zügigen RTW-Transports zeigten sich unverändert eine gute Sauerstoffsättigung von 99 % und stabile Vitalparameter.

    In der Klinik wurde dann die Empfehlung von Ina umgesetzt und der ballonierte Drainagebeutel eröffnet mit allerdings mäßigem Erfolg. Eine Ultraschalluntersuchung wurde auch in der ZNA nicht durchgeführt. Anschließend wurde die Drainage vom Thoraxchirurgen noch in der ZNA entfernt, wobei sich herausstellte, dass diese mit Sekret verstopft war (wie Ina auch angenommen hatte). Nach Screening mittels Thorax-CT erfolgt im OP dann die Neuanlage der Thoraxdrainage.

    Der präklinisch noch stabile Zustand des Patienten führten in unserem Fall (trotz des eindrucksvollen äußeren Aspekts des 69-jährigen Manns) zur Entscheidung für einen zügigen Transports in die Klinik ohne weitergehende Maßnahmen vor Ort, wobei der i.o.-Bohrer allerdings in Griffnähe war.
    Yunis Ernst
    Notfallsanitäter in Ausbildung
    Van-den-Bergh-Straße 9
    47533 Kleve

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