Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen

AGNNW

Fall des Monats Juni 2018

Alarmierungsmeldung:

Nachforderung des Notarztes durch eine RTW-Besatzung, die den 91-jährigen Gast einer Kurzzeitpflegeeinrichtung auf Veranlassung des KV-Bereitschaftsarztes bei schlechtem Allgemeinzustand ins Krankenhaus transportieren sollten.

Die RTW-Besatzung hat den 91-jährigen dementen Heimbewohner in deutlich reduziertem Allgemeinzustand angetroffen. Vom KV-Bereitschaftsarzt wird der RTW-Besatzung mitgeteilt , dass bei dem Heimbewohner eine AZ-Verschlechterung vorliegt und dass Hinweise auf eine Bronchopneumonie und Exsikkose bestehen. Auf dem Verordnungsschein für die Krankenhausbehandlung (Innere Abteilung) finden sich folglich auch die Diagnosen „AZ-Verschlechterung“ und „Pneumonie“.

Der KV-Bereitschaftsarzt ist bereits nicht mehr vor Ort.

Zum Zeitpunkt des Eintreffens der RTW-Besatzung liegt eine Kreislaufdepression des Patienten vor mit systolischen RR-Werten um 80 mm Hg und bestehender gleichzeitiger Tachykardie um 120/min und  ein O²-Sättigungsabfall auf  85 % . Daraufhin erfolgt die Nachalarmierung  des Notarztes durch die RTW-Besatzung.

Leider nur dürftige Informationslage für das Rettungsteam durch das Personal der Kurzzeitpflegeeinrichtung :

Ein Stammblatt des Heimbewohners mit Angaben zur Dauermedikation des Patienten ist laut Altenpflegerin bisher noch nicht angelegt worden. Die Aufnahme des Bewohners in die Kurzzeitpflegeeinrichtung sei nämlich erst vor 1,5 Tagen erfolgt. Somit auch keine weiteren Angaben zu Begleiterkrankungen, Voroperationen etc.. (Erfahrungsgemäß sind gerade bei Bewohnern von Kurzzeitpflegeeinrichtungen Informationen zur Vorgeschichte in vielen Fällen nur schwer zu bekommen).

Eine Patientenverfügung liegt aber angabegemäß bei dem Notfallpatienten  nicht vor.

Situation bei Eintreffen des Notarztes:

Ein intravenöser Zugang konnte bisher von der RTW-Besatzung aufgrund der schlechten Venenverhältnisse und der hypotonen Kreislaufsituation nicht angelegt werden.

Erstbefund:

Es wird ein 91-jähriger leicht somnolenter Mann mit mäßiger Dyspnoe im Bett angetroffen. Bei bekannter Demenz des Patienten und auch aufgrund seines schlechtem AZ ist eine adäquate Kontaktaufnahme und eine effektive Befragung nicht möglich.

Eine Reaktion des Patienten auf laute Ansprache und auf Schmerzreiz ist jedoch erkennbar, die Kopfwendung erfolgt gerichtet. Deutliche Exsikkose mit stehenden Hautfalten. Fühlbar leicht erhöhte Hauttemperatur (Das Ohrthermometer des RTW’s  ist leider defekt ).

Lungenbefund:

Kein brodelndes Atemgeräusch, kein Distanzrasseln. Bei der Lungenauskultation sind allerdings leise bis mittellaute Rasselgeräusche über beiden Unterfeldern hörbar. Es ist eine Narbe im Bereich der rechten Thoraxvorderseite infraklavikulär sichtbar.

Messwerte bei Kontrolle: RR 75 mm Hg systolisch. Herzfrequenz unverändert bei 120 / min. Die O²-Sättigung steigt unter der eingeleiteten Sauerstoffgabe über Sauerstoffbrille ( Flow : 5 Liter ) von 85 %  auf  über  90 %.

Erstmaßnahmen :

Es kann am Fußrücken ein peripherer intravenöser Zugang angelegt werden.

Von der EKG-Ableitung sind leider nur die Extremitäten-Ableitungen zufriedenstellend abzubilden gewesen

Es kann hier allerdings ein längerer EKG-Streifen präsentiert werden (Schreibgeschwindigkeit 25 mm/sek.).

 

Die Extremitäten-Ableitungen II und III n. Einthoven zeigen den folgenden Befund :

 

 

 

 

Das Analyse-Diagramm, das nach Einsatz ausgedruckt wurde, bestätigt die im Notarzt-Protokoll dokumentierten Pulsfrequenzen des Patienten zwischen 120  und 150 Aktionen / Min.

 

Frage :

Arbeitsdiagnose ?

Welche präklinischen Maßnahmen würden Sie (ergänzend zur Oxygenierung und Infusionstherapie) durchführen ?

 

Dr. Gerrit Müntefering

Arzt für Chirurgie / Unfallchirurgie / Notfallmedizin

Lessingstr. 26

47445 Moers

Kategorie: Fall des Monats

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