Fall des Monats November 2020

Alarmierungsmeldung am Montag um 3:20 Uhr:

56-jährige Frau mit Schwindelattacke und Herzrasen

Situation vor Ort:

Annähernd zeitgleiches Eintreffen von NEF und RTW am Einsatzort. Die Wohnung der Patientin befindet sich in einem Mehrfamilienhaus in der zweiten Etage. Der Sohn der Patientin öffnet die Wohnungstür. Die 56-jährige Frau wird in der Küche auf dem Boden sitzend vorgefunden. Sie ist wach und ansprechbar. Sie klagt über Herzrasen. Die Symptomatik von kurzdauernden Palpitationen mit schnellem Puls sei bei ihr allerdings bereits seit über 1 Jahr bekannt. Vor ca. 10 Monaten habe sie aufgrund einer länger andauernden Episode des Herzrasens für wenige Tage im Krankenhaus gelegen. Dort sei das Herzrasen medikamentös beendet worden.

Ab diesem Zeitpunkt habe sie für einige Monate 2 herzspezifische Medikamente nehmen müssen. Der Name dieser Medikamente ist der Patientin nicht mehr erinnerlich. Diese kardial wirksamen Medikamente seien dann vom Hausarzt vor ca. 3 Monaten abgesetzt worden, da der Blutdruck und auch der Puls über mehrere Wochen zu niedrig gewesen sei. Weitere Begleiterkrankungen ( Schilddrüsendysfunktion etc.) bestehen angabegemäß nicht.

In den letzten beiden Wochen habe sie im Rahmen ihrer Berufstätigkeit als Kassiererin im Supermarkt allerdings erneut mehrmals kurze Episoden eines Herzrasens verspürt,die aber bereits nach 20-30 Sekunden spontan sistiert hätten.

In der aktuellen Nacht hätten Palpitationen und Herzrasen vor ca. 30 Minuten angefangen und sei nicht mehr von alleine wieder weggegangen. Ihr sei auch leicht schwindelig geworden.

Erstbefund:

Der Radialispuls ist bei der Patientin nur sehr schwach und hochfrequent tastbar. Die Pulsoximetrie ergibt einen Wert von 96% , Herzfrequenz pulsoximetrisch bei 220/min.
Blutdruck 78 /50 mmHg,. Lungenauskultation unauffällig. Keine pathologischen Herzgeräusche. Keine peripheren Ödeme. Blutzucker 171 mg%

Das abgeleitete 12-Kanal-EKG ergibt den nachfolgend gezeigten Befund :

 

Erstmaßnahmen:

Anlage eines intravenösen Zugangs im Bereich des Handrückens und Infusion einer kristalloiden Lösung.

Einleitung der Carotissinusdruckmassage ohne Befundbesserung.

 

Arbeitsdiagnose  ?

 

Weiteres Procedere?

 

 

Dr.med.Gerrit Müntefering

Arzt für Chirurgie / Unfallchirurgie

Lessingstraße 26

47445  Moers

2 thoughts on “Fall des Monats November 2020

  1. Schmale Komplexe mit tiefem J-Punkt. Von der Form gehe ich von einer inversen P-Welle am Ende des Kammerkomplexes aus, also eine sehr flotte (tiefe) AV-Knoten-Reentry-Tachykardie. Neben der Option der Analgosedierung und elektrischen Kardioversion ist hier das Medikament der Wahl Adenosin. Der Pyramidenprozess für Notfallsanitäter sieht bei Instabilitätszeichen die Gabe von 300 mg Amiodaron über 20 Minuten als Kurzinfusion vor.

  2. Die Patientin kann aufgrund der ausreichenden Vigilanz noch als stabil eingestuft werden, sodass bei regelmässiger SVT zunächst ein modifiziertes Valsalva Manöver versucht werden kann, da dies eine deutlich höhere Konversionsrate aufweist.
    Dennoch sollte als Eskalationsstufe Adenosin bzw. eine Cardioversion vorbereitet werden.

    Siehe auch: Appelboam A et al. Postural Modification to the Standard Valsalva Manoeuvre for Emergency Treatment of Supraventricular Tachycardias (REVERT): A Randomised Controlled Trial. Lancet 2015.

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