Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen

AGNNW

Fall des Monats März 2018

Alarmierungsmeldung am Freitag um 18:00 Uhr:

Sekundärtransport Kindernotfall von Krankenhausambulanz zur Kinderklinik

Situation vor Ort:

8 Minuten nach der Alarmierungsmeldung Eintreffen des NEF in der Krankenhaus-Ambulanz

Ein 12-jähriger Junge hat sich in Begleitung seines Vaters in der Krankenhausambulanz vorgestellt mit Schwindel und Atembeschwerden, phasenweiser Schwäche.

Der Vater berichtet, dass seine Ehefrau und die Mutter des Jungen vor 4 Monaten verstorben sei. Der Junge habe den Tod der Mutter, der absehbar gewesen sei, psychisch – trotz engagierten Hilfen der Verwandtschaft – schlecht verkraftet.

Gesundheitliche Probleme seien bei dem Jungen bisher nicht bekannt. Auch im heutigen Tagesverlauf bis Nachmittags keinerlei Auffälligkeiten.

In der Schulklasse des Jungen seien allerdings derzeit einige Mitschüler krankheitsbedingt abwesend.

Nun sei es in Zusammenhang mit einer geplanten Übernachtung des Jungen bei einem Freund zu einer Streitigkeit mit seinem Vater gekommen.

Der Vater betont, dass es doch im wesentlichen sachlich zugegangen sei.

Der Junge sei heraus gerannt und sei dann 2 Minuten später von seinem Vater auf dem Hof liegend vorgefunden worden. Der Junge habe über Schwindel geklagt und habe sehr schnell geatmet. Dieses schnelle Atmen hätte dann – nach beruhigendem Einreden- nur kurzzeitig unterdrückt werden können. Daher dann doch Entschluss des Vaters zur Vorstellung des Jungen im Krankenhaus.

Befund der Erstuntersuchung:

Zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung wird ein doch spürbar agitierter Jugendlicher vorgefunden. Vitalparameter unauffällig (abgesehen von der phasenweise höheren Atemfrequenz) RR 130 / 80 mmHG, Puls 90m / min SaO2: 95 % Temp.(Ohr) 37,9°c Pupillen mittelweit . Reaktion auf Licht und Konvergenz prompt. Keine Paresen, keine Muskeltonuserhöhung der Extremitäten, jedoch leicht erhöhter Muskeltonus der Nackenmuskulatur.

An der Stirn des Jungen befindet sich ein streifige Rötung in sagittaler Ausrichtung mit leichter Schwellung der Umgebung. Hier müsse der Junge – nach Ansicht des Vaters – wohl im Hof gestürzt sein . Der Junge ist – in Gegenwart seines Vaters – eher einsilbig.

Auch während des RTW-Transports in die Kinderklinik ist der Junge wortkarg.

Während des RTW-Transports wiederholt kurze Tachypnoe-Phasen, unauffällige Vitalparameter. Die Verspannung der Nackenmuskulatur ist weiterhin vorhanden.

Frage an das Forum:

In welche Richtung sollte man weiter abklären ?

Dr. Gerrit Müntefering
Arzt für Chirurgie / Unfallchirugie / Notfallmedizin
Lessingstr. 26
47445 Moers

 

 

Kategorie: Fall des Monats
  • Sebastian B. sagt:

    dd (viraler Atemwegs-) Infekt mit meningealer Reizung bis hin zur Meningitis

    dd (unbeobachteter) Krampfanfall

    dd psychosomatisch bedingt (Ausschlussdiagnose)

    • Marvin K. sagt:

      DD traumatische SAB durch stumpfe Gewalt gegen Kopf bei Kindesmisshandlung

      5. März 2018 um 12:23
  • Gerrit Müntefering sagt:

    Weiterer Verlauf des März-Falls 2018:

    Die Forumsteilnehmer haben die relevanten Probleme bereits gut erkannt und angesprochen:
    DD Meningitis DD traumatische cerebrale Blutung

    Unter dieser Vorstellung wurde ein zügiger Transport in ein Klinikum der Maximalversorgung ( mit Neurochirurgie und Neuro-Intensivstation ) eingeleitet.
    Eine Meningitis konnte im Klinikum durch die sofort eingeleitete Diagnostik erfreulicherweise ausgeschlossen werden. Auch eine traumatische cerebrale Blutung wurde anschließend per Schädel-CT ausgeschlossen.
    Der Notarzt gab dem Arzt der ZNA den Hinweis, dass hier durchaus auch ein problematische Familienkonstellation vorliegen könnte und eine vorsichtige Befragung des Jungen daher hilfreich sein könnte.

    Auch Marvin K . empfahl in der Forumsdiskussion eine weitere Recherche hinsichtlich einer möglichen Gewalteinwirkung gegenüber dem Kind.

    Bei einem Telefonat mit der Klinik 2 Tage später, bedankte sich der Arzt der ZNA für den letztgenannten Hinweis. Eine am Folgetag durchgeführte vorsichtige Befragung unter Beisein einer Psychologin ergab im Verlauf des 2. stationären Tages, dass der Vater des Jungen wohl bereits mehrfach Gewalt an den Familienangehörigen angewandt hätte. Auch die Prellmarke im Kopfbereich wurde – nach Angabe des schließlich gesprächsbereiten Jungen – durch den Vater verursacht.
    Konfrontiert mit dieser Problematik, war dann auch der Vater des Jungen schließlich geständig.
    Das Jugendamt wurde daraufhin informiert und hinzugezogen.
    Der Junge konnte am 4.stationären Tag vom erstbehandelnden Krankenhaus in eine fachtherapeutische Institution mit psychosomatischer Ausrichtung verlegt werden.

    Dr. Gerrit Müntefering
    Arzt für Chirurgie / Unfallchirugie / Notfallmedizin
    Lessingstr. 26
    47445 Moers

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