Am 17.08.2026 um 15:03 Uhr erfolgt die Alarmierung von RTW und NEF unter dem Stichwort „Bewusstlose Person, 67 J, w, C- und D-Problem“
Situation vor Ort:
Vor Ort wird die um 15:09 Uhr ersteintreffende RTW-Besatzung vom Nachbarn empfangen, der nach der Patientin sehen wollte und den Notruf abgesetzt hat.
Die Außentemperatur in der nordrhein-westfälischen Großstadt beträgt zu diesem Zeitpunkt 22°C bei stark bedecktem Himmel.
Erstbefund:
Die Besatzung des RTW trifft in der 1. Etage eines Mehrfamilienhauses im überwärmten Schlafzimmer auf eine im Bett liegende, leicht adipöse Frau vor, die spontan atmet und auf Schmerzreiz nicht erweckbar ist.
Der periphere Puls ist kräftig tastbar (105 Schläge / min). Die Haut fühlt sich sehr warm an, die am Ohr gemessene Temperatur beträgt 41,5°C, der Blutzucker 141 mg/dl, die pulsoxymetrisch bestimmte Sättigung liegt bei 91% unter Raumluft, erster RR 108/58 mmHg.
Anamnese:
Der kurz darauf eintreffende Sohn berichtet, dass seine Mutter schwer herzkrank und bereits zweimal reanimiert worden sei. Er habe sie am Vortag gegen 16:30 Uhr zum Bett begleitet. Zu diesem Zeitpunkt habe sie über starke Rückenschmerzen geklagt. Um 18:30 Uhr habe er sie zuletzt tief schlafend angetroffen und nicht wecken wollen.
Ein Medikamentenplan ist nicht auffindbar.
Erstmaßnahmen der RTW-Besatzung:
Bei Eintreffen des Notarztes um 15:15 Uhr hat die RTW-Besatzung die Patientin bereits entkleidet und mit nassen, kalten Handtüchern bedeckt.
1.) Wie lautet die (Verdachts-) Diagnose?
2.) Welche Differentialdiagnosen sind zu beachten?
3.) Wie ist das weitere Vorgehen?
Dr. med. Holger Wißuwa
Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Herne
Berufsfeuerwehr Herne
Auflösung zum Fall des Monats September 2026:
Zu 1) Die Patientin erfüllt die sog. „Hitzschlag-Trias“ aus Hitzebelastung, Körpertemperatur > 40,5°C und schwerer neurologischer Störung. Die Verdachtsdiagnose lautet also „Hitzschlag“, auch wenn es zum Einsatzzeitpunkt selbst draußen mit 22°C gar nicht mehr so warm war. Als Folge der anhaltend hohen Außentemperaturen (s. Abbildung 1) waren Wohnung und Schlafzimmer der Patientin aber noch extrem warm. Das Schlafzimmerfenster war verschlossen.
Abbildung 1:
Zu 2) Als Differentialdiagnose kommt als erstes die Sepsis (erhöhte Temperatur, Bewusstseinsstörung) in Betracht, aber auch neurologische Erkrankungen (z.B. Apoplex) oder Intoxikationen und Stoffwechselstörungen sind in Betracht zu ziehen.
Zu 3) Noch am Patientenbett erfolgt (zum ersten Mal nach erst wenige Tage zuvor in den Rettungsdienst eingeführter Versorgungsstrategie) die Nachforderung des Brandschutzes unter dem Stichwort „TH 0: Hitzenotfall / Patientenkühlung“ zur Bereitstellung von Eis an der Einsatzstelle (Abbildung 2).
Abbildung 2:Transport von Eis von der Feuerwache zur Einsatzstelle (Symbolbild)
Unmittelbar danach wird die Patientin aus der Wohnung evakuiert und per Tragetuch zum klimatisierten RTW gebracht. Dort wird die Patientin in einen wasserdichten Body Bag gelegt und ein peripher-venöser Zugang an der linken Hand etabliert.
Der Body Bag wird mit Klebestreifen verkleinert (damit das Wasser nicht seitlich in „Taschen“ versackt) und die Patientin mit vom Sohn in einem Eimer bereitgestellten Leitungswasser übergossen (Abbildung 3). Ersatzweise hätte auf den Rettungsmitteln zum Wassertransport ein faltbarer 10-Liter-Kanister zur Verfügung gestanden (Abbildung 4).
Abbildung 3: Patienten-Kühlung gestartet mit Leitungswasser 
Abbildung 4: Body Bag und faltbarer Kanister 
Um 15:26 Uhr trifft das Brandschutzfahrzeug mit 10 kg Eiswürfeln (aus Gastronomie-Bedarf, vorgehalten an beiden Feuer- und Rettungswachen im Stadtgebiet) an der Einsatzstelle ein.
Von diesem Zeitpunkt wird das Leitungswasser-Eis-Gemisch um die Patientin herum ständig in Bewegung gehalten (Abbildung 5).
Abbildung 5: Patienten-Kühlung nun mit Wasser-Eis-Gemisch in ständiger Bewegung
Wenige Minuten nach Start der Kühlung öffnet die Patientin die Augen und führt kleine Spontanbewegungen des Kopfes und der Armes aus. Sie fixiert aber nicht und bleibt nicht kontaktfähig.
Die Körpertemperatur wird weiter tympanisch gemessen und an der RTW-Wand protokolliert (Abbildung 6). Um 15:42 Uhr – also 17 min nach Start der Kühlung – beträgt die Temperatur von 39,4°C, und das Rettungstram beendet die Kühltherapie. Zu diesem Zweck erfolgen große Schnitte seitlich am Body Bag, so dass Leitungswasser-Eis-Gemisch außerhalb des RTW abfließt.
Nach Voranmeldung und unkompliziertem Transport trifft die Patientin um 15:56 Uhr im Non-Trauma-Schockraum der Zielklinik mit freier Intensivkapazität ein. Nach Übergabe an das Schockraum-Team ist die Patientin wieder kontaktfähig und in der Lage, Fragen zur Person adäquat zu beantworten.
Abbildung 6:

Dokumentation an RTW-Wand: Medikation / Maßnahmen
15:25: Aktive Kühlung
Initial 41,5°C
15:30: 40,7°C
15:37: 40°C
15:40: 39,8°C
15:42: 39,4°C
Die rasche Erholung der Patientin noch während der rettungsdienstlichen Versorgungszeit von tiefster Bewusstlosigkeit zur Kontaktfähigkeit spricht differentialdiagnostisch gegen die Sepsis.
Die Patientin wird acht Tage lang stationär behandelt, initial auf der Intensivstation, ehe sie ohne gesundheitliche Folgen nach Hause entlassen werden kann.
Dr. med. Holger Wißuwa
Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Herne
Berufsfeuerwehr Herne
Kurze Anmerkung zum Hitzenotfall
Motto: „Stay and cool“
Hitzeschlag ist einer der Notfälle in denen man lieber vor Ort kühlt als hastig zu transportieren => „Cool First, Cool Fast, Transport Second“.
Kühle Infusion und Icepacks haben von der Sofortwirkung her nicht die gewünschte Effektivität und jede Minute ohne harte Kühlung erhöht die Mortalität bzw. das negative Outcome.
Nicht die Klinik rettet den Patienten, sondern die sofortige , bereits präklinisch begonnene Kühlung auf < 39°C.
Präklinische Vorgehensstrategien:
Full body cold water immersion => Ganzkörperimmersion in Eiswasser durch
„Body Bag Cooling“
ggf. als zeitnah anwendbare erste Maßnahme vor Ort (bis eine mobile Kühlungsmaßnahme am Einsatzort vorliegt ):
“Badewanne mit Eis” => Badewanne ca. zur Hälfe mit Wasser & Eis gefüllt (1-17°C), und ständig durchmischen
Zur Body bag-Anwendung:
Der Patient wird in einen wasserdichten, stabilen Sack (Body bag) voll Eiswasser gelegt . Falls ein solcher Body bag nicht zur Verfügung steht, kann d. Patient:in auch (als „makabre“ aber wirksame Alternative) in einen bis zum Hals geschlossenen Leichensack voll Eiswasser gelegt werden. Der Sack wird mit kaltem Wasser und Eiswürfeln gefüllt, sodass der Körper (bis auf den Kopf und ggf. die Arme) komplett vom Eis-Wasser-Gemisch umschlossen ist. Den Leichensack mit Eis und Wasser (Verhältnis 1:1 oder 1:2) füllen, bis zum Hals schließen, Das Rettungsteam kann das Eiswasser ständig in Bewegung halten und d. Patient:in über die obere Öffnung engmaschig überwachen.
Diese Methode kühlt den Körper bis zu achtmal schneller herunter als herkömmliche Kühlpacks, verhindert fatales Multiorganversagen und ermöglicht gleichzeitig – anders als ein starres Eisbad – den Transport im Rettungswagen. Wichtig ist es , das Eiswasser ständig in Bewegung zu halten.
Für alle, die es interessiert, wie sich die Wirkung von Medikamenten bei Hitze verändert, lohnt sich ein Blick in die Heidelberger Hitzetabelle.

3 thoughts on “Fall des Monats September 2026”
Der Ersteindruck der Patientin ist kritisch; A erscheint frei, B SpO2 91% unter Raumluft, C HF und RR vorerst als akzeptabel anzusehen D BZ normwertig, GCS < 8 wenn kein Erwecken auf Schmerzreiz möglich ist, E 41,5°C Fieber.
Ich würde die Atemfrequenz auszählen, dann ergibt sich ggf. ein qSOFA von 2/3 (sofern die Atemfrequenz erhöht ist), so dass ich an eine Sepsis denken würde, ich würde zstl. die Lunge auskultieren, denke dabei an einen pneumogenen Fokus, falls Rasselgeräusche vorhanden sind bei 91% Raumluftsättigung, bei Rückenschmerzen käme allerdings auch eine Urosepsis (Pyelonephritis) in Betracht. Würde das Abdomen untersuchen (möglicherweise strahlen die Schmerzen in den Rücken aus), Pupillenstatus erheben und ein 12 Kanal EKG schreiben und RR seitengleich messen (je weniger Anamnese man machen kann, desto mehr Untersuchung ist notwendig).
Prinzipiell muss man auch eine Intubation in Betracht ziehen, allerdings ist die Sepsis auch ein zeitkritischer Notfall, so dass ich dies in Abhängigkeit vom Anstieg der SpO2 unter Sauerstoffgabe und Entfernung zu den Kliniken mit meinem Team diskutieren würde.
Transport mit Sosi, Voranmeldung als Schockraum, Unklares D-Problem, Arbeitsdiagnose Sepsis, allerdings auch eine neurologische Pathologie mit zentralem Fieber denkbar, also Auswahl eines Hauses mit freier ICU Kapazität und Sono/(c)CT.
Sepsis
Herzinfarkt, Aortenaneurysma
Weitere Diagnostik: Neurol Untersuchung: Pupillen, AF? EKG, eFast
Ggf Schutzintubation, ad Krhs
Die Auflösung des Falls finden Sie oben im Fall.