Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen

Alarmierungsmeldung Dienstag 22:00 Uhr:

Einsetzende Geburt, 37. Schwangerschaftswoche, Fruchtwasserabgang wurde mitgeteilt

Situation vor Ort:

RTW und NEF treffen 7 Minuten nach Alarmierungsmeldung annähernd zeitgleich an einem von der Strasse zurückliegenden Mehrfamilienhaus in Ortsmitte einer Kleinstadt ein. Die in der Einsatzdepesche genannte Wohnung liegt in der dritten Etage.

Somit wohnlage-bedingt ungünstige Transportbedingungen zum RTW.

Der Ehemann der Gebärenden (Anrufer) empfängt das Rettungsteam an der Wohnungstür. Eine 30-jährige Frau wird bei aktueller Wehentätigkeit schmerzgekrümmt auf dem Bett liegend angetroffen. Bei der Anamneseerhebung werden folgende Informationen zum Schwangerschaftsverlauf mitgeteilt: Erstgebärende, Einlings-Schwangerschaft, 37. Schwangerschaftswoche, bisher regelrechter Schwangerschaftsverlauf. Letzte Vorstellung in der geburtshilflichen Sprechstunde der gynäkologischen Klinik 3 Wochen zuvor ohne auffälligen Befund.

Die 30-jährige Frau gibt an, dass die Wehentätigkeit vor ca. 45 Minuten eingesetzt hätte. Vor 25 Minuten sei dann das Fruchtwasser abgegangen. Dieses sei nach Angabe der Schwangeren nicht rötlich oder grün verfärbt gewesen, sondern hätte hell und klar ausgesehen.

Bei der Sichtung des Mutterpasses (Seite mit Anamneseteil und Vorsorgeuntersuchungen)

Soweit entzifferbar keine Besonderheiten: regelrechte Kindsbewegungen, keine Schwangerschaftshypertonie, keine Plazenta praevia.. Die Angaben zur Kindslage sind allerdings – bei schwer entzifferbaren Eintragungen – anhand des Mutterpasses nicht ohne weiteres nachzuvollziehen.

Wehenfrequenz aktuell alle 2 – 3 Minuten.

Die Schwangere gibt nun an, einen Pressdrang zu verspüren.

Erstbefund und Erstmaßnahmen:

Aufgrund der nun engmaschigen Wehenfrequenz erfolgt – nach vorheriger Ankündigung und mit Einverständnis der Schwangeren- die vorsichtige Inspektion des Introitus.

Hier ist das Einschneiden des Steißes und der Vorfall eines Fußes erkennbar (herzfrequenz-steigernd für alle Beteiligten).

Der über die Leitstelle eingeleitete Versuch des Telefonkontakts zum diensthabendenden Gynäkologen der Klinik erweist sich – ausgerechnet in dieser Situation – als frustran. Der Kollege ist bei einer Notfalloperation.

Eine Hebamme kann ebenfalls nicht in Marsch gesetzt werden.

Im Rahmen der nun folgenden Wehe kann ein Durchschneiden des Beckens und auch die Entwicklung des zweiten Beins beobachtet werden.

Aufgrund dieses rasch fortschreitenden Geburtsverlaufs wird im Rahmen eines kurzen Team-Time-Outs die „Scoop and Run-“Alternative für nicht mehr machbar gehalten.

Es erfolgt eine unterstützte Umpositionierung der Schwangeren in die Vierfüsslerposition, die vom Notarzt, einem Notfallsanitäter und dem anwesenden Auszubildenden seitlich gesichert wird.

Das Becken des Kinds dreht sich im Rahmen der nächsten Wehe von der sagittalen (ventrodorsalen) Ausrichtung in die transversale Position mit nach oben (zum Muttersteiß) ausgerichteter Beckenvorderseite und sichtbarem Unterbauch.

Der Rumpf wird nun fast bis zum Nabel an der dorsalen Zirkumferenz des Introitus sichtbar.

Die Anwendung des Bracht-Manövers ist in der Vierfüsslerposition nicht sinnvoll, da Gebärenden (nach Kenntnis des Notarztes) die Schwerkraft in der Vierfüsslerposition das Bracht-Manöver vollständig ersetzt.

In der nächsten Wehe ist allerdings die weitere Entwicklung des Oberkörpers mit erneuter Rumpfdrehung zum Stillstand gekommen.

Der Notarzt kündigt der Gebärenden daraufhin eine vorsichtige Austastung des Geburtskanals an.

Bei der Austastung zeigt sich eine recht straffe Nabelschnur-Umschlingung im Halsbereich des Kinds.

 

 

Weitere Maßnahmen?

 

 

Seit über 20 Jahren am Niederrhein tätiger Notarztkollege

Facharzt für Allgemeinmedizin,

Zusatzbezeichnung Notfallmedizin

One thought on “Fall des Monats November 2026”

  1. Eine unfassbar heikle Situation. Zunächst sollte eine Entlastung des vorangehenden Kindsteil erfolgen. Eine Notfalltokolyse sollte umgehend eingeleitet, sowie krititsch geprüft werden ob Ressourcen für eine Notfallsectio verfügbar sind. Vielleicht hat der ärztliche Kollegen bereits Erfahrung in diesem Gebiet ? Da sowas präklinisch die absolute Außnahme darstellt, würde ich versuchen den nächsten Maximalversorger zu erreichen. Zumindestens ein Haus mit Gyn und Anästhesie.
    Hier steht man ein bisschen zwischen den Stühlen…eine fetale Gefährdung mit intrauteriner Asphyxie ist über die straffe Nabelschnur-Umschlingung im Halsbereich nicht auszuschließen.
    Man könnte noch über eine Beckenhochlagerung und manuelles zurückschieben des Kindes versuchen Zeit zu gewinnen.
    Danke für den Fall ! Wichtig für sowas sich immer wieder ein mentales Modell in Erinnerung zu rufen. Etwas was man auch gut in einem morgendlichen Briefing gelegentlich besprechen sollte.
    LG J.S ( NotSan)

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