{"id":5112,"date":"2021-04-03T13:23:37","date_gmt":"2021-04-03T11:23:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.agnnw.de\/?p=5112"},"modified":"2021-04-03T13:23:37","modified_gmt":"2021-04-03T11:23:37","slug":"fall-des-monats-april-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.agnnw.de\/?p=5112","title":{"rendered":"Fall des Monats April 2021"},"content":{"rendered":"<p><u>Alarmierungsmeldung Freitag um 23:00 Uhr: <\/u><\/p>\n<p>63 j\u00e4hriger Mann, Aggressivit\u00e4t, V.a. Unterzuckerung<\/p>\n<p><u>Situation vor Ort und Vorgeschichte:<\/u><\/p>\n<p>Das NEF, das sich gerade von einem vorangegangenen Einsatz am Zielkrankenhaus frei gemeldet hat, trifft\u00a0bei l\u00e4ngerem Anfahrtsweg 9 min nach Alarmierung kurzzeitig nach dem RTW am Einsatzort ein (Einfamilienhaus in kleiner l\u00e4ndlicher Dorfgemeinde).<\/p>\n<p>An der T\u00fcr stehen die Ehefrau und die Schw\u00e4gerin des Notfallpatienten. Die Ehefrau erteilt mit, dass bei ihrem Mann ein Insulinpflichtiger, schwer einstellbarer Diabetes mellitus best\u00fcnde und er sich aktuell wohl wieder unterzuckert sei. Das Problem best\u00e4nde darin, dass ihr Mann in Phasen der Unterzuckerung oft desorientiert w\u00e4re und dann auch sehr aggressiv sei. In ihrer Heimatstadt in Norddeutschland h\u00e4tte (bis vor dem Umzug vor 2 Jahren) aufgrund wiederholter Hypoglyk\u00e4mie-Phasen der Notarzt und regelm\u00e4\u00dfig die Polizei hinzugerufen werden m\u00fcssen, da der Patient im Rahmen der Erstbehandlung immer erheblichen Widerstand geleistet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4gerin f\u00fchrt das Rettungsteam in die Wohnung des Untergeschosses. Hier wird ein 63-j\u00e4hriger Mann im Schlafzimmer nackt herumlaufend angetroffen. Bereits beim \u00d6ffnen der T\u00fcr ruft der Patient, dass alle den Raum verlassen sollen und droht damit, mit einer Glasflasche zu werfen.<\/p>\n<p>Daraufhin sofortige Alarmierung der Polizei, die 10 min sp\u00e4ter mit einer Mannschaftsst\u00e4rke von vier Beamten eintrifft.<\/p>\n<p>Zur j\u00fcngeren Anamnese befragt, berichtet die Ehefrau, dass ihr Mann, der seit mehreren Jahren Diabetiker sei, vor ca. einem Jahr durch den Diabetologen neu eingestellt worden sei. Die Compliance des Patienten bei der diabetologischen Behandlung und Diabetesschulung sei allerdings eingeschr\u00e4nkt gewesen. Ihr Mann sei halt kein Arztg\u00e4nger. Au\u00dferdem berichtet sie \u00fcber einen bis vor zwei Jahren bestehenden regelm\u00e4\u00dfigen st\u00e4rkeren Alkoholabusus ihres Mannes.<\/p>\n<p>Aktuell w\u00fcrde ihr Mann allerdings nur noch bei Feiern oder am Wochenende\u00a0wenige Glas Bier trinken. Am heutigen Abend habe ihr Mann gegen ca. 21:00 Uhr beim Blutzuckerstix einen Wert von 55 mg\/dl gemessen. Daraufhin habe er die abendliche Insulininjektion ausgelassen.\u00a0 Trotz der gemessenen Hypoglyk\u00e4mie habe der Patient nur sehr wenig gegessen (ein Kn\u00e4ckebrot).<\/p>\n<p>Seit 20 Minuten sei bei dem Patienten nun eine deutliche Verwirrtheit und Aggressivit\u00e4t aufgetreten. Die daraufhin angebotene glukosehaltige Nahrung (Coca-Cola, Marmeladenbrot) sind vom Patienten abgelehnt worden.<\/p>\n<p><u>Erstma\u00dfnahmen:<\/u><\/p>\n<p>Die vier Polizeibeamten verschaffen sich Zutritt zum Schlafzimmer. Der 63-j\u00e4hrige Patient ist \u00fcberraschenderweise dann nur geringf\u00fcgig renitent oder aggressiv. Es besteht allerdings noch eine m\u00e4\u00dfige Agitiertheit. Er sitzt am Bettrand und leistet gegen das prophylaktische Handanlegen durch die Beamten zur Sicherung der not\u00e4rztlichen Erstversorgung nur kurzzeitigen leichten Widerstand.<\/p>\n<p>Es erfolgt die Anlage eines intraven\u00f6sen Zugangs am Handr\u00fccken und &#8211; ausgehend von der bestehenden Hypoglyk\u00e4mie &#8211; die z\u00fcgige i.v.-Gabe von Glukose 10 % .<\/p>\n<p>Der zeitgleich abgenommene Blutzucker-stix ergibt dann aber \u00fcberraschenderweise einen Wert von 235 mg \/dl.<\/p>\n<p>Daraufhin sofortige Beendigung der Glukosegabe.<\/p>\n<p>Blutdruck: 150 \/ 90 mmHg Puls 100 \/ Minute mit rhythmischer Herzaktion.<\/p>\n<p>Die EKG Ableitung ergibt eine Sinusrhythmus mit schmalen Kammerkomplexen. Frequenz bei 100 Aktionen \/ Minute ohne Arrhythmie.<\/p>\n<p>Bei der weiteren klinischen Untersuchung ist eine m\u00e4\u00dfige Pupillendifferenz rechts &gt; links feststellbar. Pupillenreaktion auf Licht und Konvergenz bds. prompt. Die orientierende Pr\u00fcfung der Hirnnerven und der peripheren Sensomotorik ergibt keinen pathologischen Befund. FAST-Test negativ. Pathologische Reflexe sind nicht aufl\u00f6sbar.<\/p>\n<p>Der Patient ist zum aktuellen Ereignis und seiner aggressiven Absence nicht orientiert. Die eigenen Stammdaten einschlie\u00dflich Wohnadresse k\u00f6nnen deutlich verlangsamt, aber korrekt genannt werden.<\/p>\n<p>Der Patient wird dar\u00fcber informiert, dass eine weitere station\u00e4re Abkl\u00e4rung des Krankheitsbildes dringlich erforderlich sei. Dem 63-j\u00e4hrigen Mann wird mitgeteilt, dass die aktuell abgelaufene Desorientiertheitsphase nicht durch eine Unterzuckerung erkl\u00e4rt werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Eine weitergehende neurologische Diagnostik einschlie\u00dflich Sch\u00e4del CT w\u00e4re dringend erforderlich, auch aufgrund der bestehenden Pupillendifferenz.<\/p>\n<p>Der Patient meint aber, sich erinnern zu k\u00f6nnen, dass fr\u00fcher schon einmal eine Ungleichheit der Pupillen festgestellt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der Patient lehnt die ihm angeratene Krankenhausbehandlung und \u00dcberwachung ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Polizeibeamten verweisen auf den nun nicht mehr aggressiven Zustand des Patienten und einen ihnen angek\u00fcndigten Folgeeinsatz und wollen sich entfernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiteres Procedere<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Gerrit M\u00fcntefering<br \/>\nArzt f\u00fcr Chirurgie \/ Unfallchirugie \/ Notfallmedizin<br \/>\nLessingstr. 26<br \/>\n47445 Moers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alarmierungsmeldung Freitag um 23:00 Uhr: 63 j\u00e4hriger Mann, Aggressivit\u00e4t, V.a. 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