{"id":4689,"date":"2020-05-01T17:45:19","date_gmt":"2020-05-01T15:45:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.agnnw.de\/?p=4689"},"modified":"2020-05-01T17:45:19","modified_gmt":"2020-05-01T15:45:19","slug":"fall-des-monats-mai-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.agnnw.de\/?p=4689","title":{"rendered":"Fall des Monats Mai 2020"},"content":{"rendered":"<p><u>Alarmierungsmeldung Montag um 23:30 Uhr :<\/u><\/p>\n<p>Angek\u00fcndigter Suizid, m\u00e4nnlich, Anfahrt ohne Sondersignal. Die Polizei sollte vor Ort sein. Ansonsten unbedingt auf die Polizei warten.<\/p>\n<p><u>Situation am Einsatzort:<\/u><\/p>\n<p>7 Minuten nach der Alarmierungsmeldung Eintreffen des NEF und des RTW \u2019s am Einsatzort. Mehrfamilienhaus in einer Kleinstadt.<\/p>\n<p>Die Polizei ist noch nicht vor Ort.<\/p>\n<p>Daraufhin nochmalige Abfrage evt. weiterer Informationen bei der Rettungsleitstelle. Von der Leitstelle k\u00f6nnen nur wenig beruhigende Ausk\u00fcnfte gegeben werden: Der Anrufer h\u00e4tte seinen Suizid telefonisch angek\u00fcndigt. Zeitgleich sei die Information der Polizei erfolgt. Der Anrufer ist bei den Ordnungsh\u00fctern kein Unbekannter ( illegaler Waffenbesitz, zeitweilige Beherbergung eines Kampfhundes in der Wohnung).<\/p>\n<p>Die Polizei trifft 2 Minuten sp\u00e4ter an der Einsatzstelle ein. Die Polizeibeamten des ersten Einsatzfahrzeugs warten aufgrund des m\u00f6glichen Gefahrenpotentials noch auf Verst\u00e4rkung. Vom Notarzt wird auf die Dringlichkeit des Zugriffs hingewiesen. Ein zweiter Einsatzwagen trifft nach weiteren 2 Minuten ein.<\/p>\n<p>Die Wohnung des Notfallpatienten befindet sich im 3. Obergeschoss des Mehrfamilienhauses.<\/p>\n<p>Nach Schellen bei den noch beleuchteten Wohnungen auf der Parterre-Ebene ist ein rascher Zugang der Beamten zum Treppenhaus m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Nun Schellen der Beamten in der Wohnung des Anrufers unter Klarstellung des Polizei-Einsatzes. Der Notfallpatient \u00f6ffnet die Wohnungst\u00fcr. Kein Hundegebell. Ein Kampfhund wird nicht angetroffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deutlich wankendes Gangbild des Patienten bei Foetor alkoholicus. Rotes, leicht aufgequollenes Gesicht, verwaschene Sprache.<\/p>\n<p>Nun Abfrage des aktuellen Geschehens durch den Notarzt:<\/p>\n<p>Der 40-j\u00e4hrige Mann berichtet leicht mit verwaschener und stockender Sprache, dass er jetzt mit allem Schluss machen wolle ! ( Dennoch ist aber eine demonstrative telefonische Vorank\u00fcndigung des Suizidversuchs erfolgt ).<\/p>\n<p>Der Mann gibt an, er habe die Tabletten von 2 Schachteln Ibuprofen, anderthalb Schachteln Paracetamol und 1 Schachtel Tavor geschluckt. Die Tablettenschachteln habe er bereits im zentralen M\u00fcllabwurfschacht des Mehrfamilienhausese entsorgt. Au\u00dferdem habe er mehr als eine halbe Flasche M\u00f6belpolitur getrunken. Es steht eine zu 2\/3 geleerte Flasche M\u00f6belpolitur auf dem Wohnzimmertisch. Zur getrunkenen Alkoholmenge kann \/ will der Patient keine Angaben machen. Leere Tablettenblister finden sich nicht in der Wohnung.<\/p>\n<p>Der Patient betont, dass er sterben will. Er ist auch bei der eingeleiteten Prim\u00e4rdiagnostik wenig kooperativ.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Erstdiagnostik und Erstma\u00dfnahmen:<\/u><\/p>\n<p>Ein Alkoholtest der Polizei ist bei Widerstand des Patienten nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei fortgesetztem Widerstand des Patienten und bestehender Vitalgef\u00e4hrdung wird der Mann von 3 Beamten \u00fcberw\u00e4ltigt mit Handschellenanlage.<\/p>\n<p>Der Transport aus dem 3. Obergeschoss gestaltet sich anfangs schwierig, kurze Zeit sp\u00e4ter ist der Widerstand des Patienten etwas geringer.<\/p>\n<p>Eine Blutdruckmessung ist bei r\u00fcckw\u00e4rtiger Armfixierung m\u00f6glich :<\/p>\n<p>RR 150 \/ 90 mmHG , Puls 110 \/Min.<\/p>\n<p>Die pulsoxymetrische Bestimmung der Sauerstoffs\u00e4ttigung ist an den unruhigen H\u00e4nden und bei Widerstand nicht durchf\u00fchrbar, ist aber am Ohr m\u00f6glich<\/p>\n<p>SaO2: 90 %<\/p>\n<p>Die unter Schwierigkeit kurzzeitig realisierbare EKG-Ableitung ( Extremit\u00e4ten-Ableitung ) zeigt einen zumindest orientierend unauff\u00e4lligen Befund.<\/p>\n<p>Ein intraven\u00f6ser Zugang kann am proximalen Unterarm unter Schienen und Bindenfixierung gesichert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Transports zum 15 km entfernt gelegenen Krankenhaus mit Intensivbett und Dialyse-M\u00f6glichkeit, das laut Leitstelle nicht abgemeldet sei, erfolgt das Telefonat mit der Vergiftungszentrale einer nahegelegenen Uniklinik:<\/p>\n<p>Nach Verbindungsaufbau soll rasch der Arztkontakt vermittelt werden. Nach 6 Minuten Warteschleife dann die Mitteilung des Pflegers, dass der Doktor notfallm\u00e4\u00dfig involviert sei und unabk\u00f6mmlich sei. Man solle es in der Vergiftungszentrale Berlin versuchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daraufhin sofortiger Telefon-Kontakt mit der Berliner Vergiftungszentrale :<\/p>\n<p>Hier ist die Telefon-Verbindung aber zeitweilig sehr schlecht und wird einmal unterbrochen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rztin der Berliner Vergiftungszentrale informiert \u00fcber kurz \u00fcber Petrodestillate, eventuell auch aromatische und halogenierte Kohlenwasserstoffe und Terpentin\u00f6l in M\u00f6belpolituren und die hier m\u00f6gliche Anwendung von Kohle pulvis\u00a0 und paraffinum subliquidum ( past\u00f6sem Paraffin\u00f6l ). Ein Erbrechen des Patienten soll unbedingt verhindert werden. Die Frage der Berliner \u00c4rztin nach der eingenommenen Paracetamol-Menge kann nicht gesichert beantwortet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Eintreffen in der Notfallaufnahme :<\/u><\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses 2.Telefonats trifft der RTW in der Notfallanfahrt des Krankenhauses ein. Die diensthabende Internistin empf\u00e4ngt das Rettungsteam bereits vor der T\u00fcr des Schockraums und teilt mit, dass sie keinen freien Intensiv-Versorgungsplatz h\u00e4tten und seit 1 Stunde abgemeldet seien. Hier sei offensichtlich eine Fehlinformation durch die Rettungsleitstelle erfolgt.<\/p>\n<p>Daraufhin wird \u2013 auf Insistieren des Notarztes hin &#8211; der Hintergrunddienst der Abteilung angerufen und best\u00e4tigt am Telefon die Unm\u00f6glichkeit der Prim\u00e4rversorgung bei fehlendem Intensivbett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiteres Procedere ?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Gerrit M\u00fcntefering<br \/>\nArzt f\u00fcr Chirurgie \/ Unfallchirugie \/ Notfallmedizin<br \/>\nLessingstr. 26<br \/>\n47445 Moers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alarmierungsmeldung Montag um 23:30 Uhr : Angek\u00fcndigter Suizid, m\u00e4nnlich, Anfahrt ohne Sondersignal. Die Polizei sollte vor Ort sein. Ansonsten unbedingt auf die Polizei warten. Situation am Einsatzort: 7 Minuten nach der Alarmierungsmeldung Eintreffen des NEF und des RTW \u2019s am Einsatzort. Mehrfamilienhaus in einer Kleinstadt. Die Polizei ist noch nicht vor Ort. 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