{"id":4245,"date":"2019-08-13T09:35:10","date_gmt":"2019-08-13T07:35:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.agnnw.de\/?p=4245"},"modified":"2019-10-05T10:12:40","modified_gmt":"2019-10-05T08:12:40","slug":"fall-des-monats-august-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.agnnw.de\/?p=4245","title":{"rendered":"Fall des Monats August 2019"},"content":{"rendered":"<p>Alarmierung des NEF um 17:45 Uhr, Einsatzstichwort \u201eAtemnot\u201c<\/p>\n<p>Der Einsatzort liegt am Rande des Einsatzgebietes an der Grenze zu einem benachbarten Kreis. Bereits auf der Anfahrt \u00fcber Funk der Hinweis, dass sich eine Reanimationssituation entwickelt habe und man telefonisch zur Reanimation anleite.<br \/>\nDas NEF trifft nach 12 Minuten Anfahrt an einer Doppelhaush\u00e4lfte ein, offenbar gut situierte Wohngegend, wir werden in ein im Obergeschoss gelegenes Bad gef\u00fchrt.<br \/>\nDort liegt ein Patient auf dem Badezimmerboden, fremdanamnestisch sei er mit Atemnot auf dem WC zusammengesackt und von der Lebensgef\u00e4hrtin auf den Boden gelegt worden.<br \/>\nAuffallend ist die tiefgelbe Farbe der Haut und der Skleren, es besteht eine ausgepr\u00e4gte Cholestase. Weiter zeigt sich ein stark aufgetriebenes Abdomen im Sinne eines ausgepr\u00e4gten Aszites, zus\u00e4tzlich starke \u00d6deme an den Beinen. Der Patient weist eine Schnappatmung auf, etwa 5 Atemz\u00fcge pro Minute, das \u00fcber die Patches abgeleitete EKG zeigt einen arrhythmischen, bradykarden Sinusrhythmus mit ventrikul\u00e4ren Extrasystolen, Frequenz etwa 30\/Minute. Der GCS betr\u00e4gt 7, der Puls ist peripher nicht tastbar.<\/p>\n<p>Die drei Minuten zuvor eingetroffene RTW-Besatzung hat nicht mit einer Reanimation begonnen, da sie von der Lebenspartnerin auf ein fortgeschrittenes Tumorleiden \u201eim Endstadium\u201c hingewiesen worden seien, auch habe sie die telefonische Anleitung abgelehnt.<br \/>\nDer Notarzt l\u00e4sst zun\u00e4chst nur Sauerstoff \u00fcber eine Nasenbrille verabreichen und stimmt zu, dass &#8211; obwohl klar-definierte Kriterien bestehen &#8211; zun\u00e4chst keine Herzdruckmassage und Beatmung durchgef\u00fchrt wird.<br \/>\nDa ganz offenbar ein praefinaler Patient angetroffen wird, versucht der Notarzt nun die weitere Anamnese zu erheben, insbesondere ob in einer Patientenverf\u00fcgung festgelegt worden sei, was bei Verschlechterung gew\u00fcnscht sei. Es handelt sich um einen 50j\u00e4hrigen Patienten, der an einem \u201eEnddarmkrebs\u201c, welcher nicht operiert worden sei, da bereits Leber- und Lungenmetastasen gefunden wurden, sondern chemotherapeutisch behandelt werde. Am gestrigen Tag habe er noch ambulant eine Chemotherapie erhalten, die er aber \u201enicht so gut vertragen\u201c habe, das Injektionssystem befindet sich noch am K\u00f6rper, ist \u00fcber eine Portnadel mit dem implantierten Port verbunden.<\/p>\n<p>Der Notarzt versucht der Angeh\u00f6rigen die Situation realit\u00e4tsnah darzustellen und weitere Informationen einzuholen. Da es sich ganz offensichtlich um eine Palliativsituation handelt, wird die Frage nach Anbindung in einer entsprechenden Versorgung \/ einer speziellen h\u00e4uslichen Pflege gestellt, was verneint wird, das habe er nicht haben wollen. Medikament\u00f6s nehme er Spironolacton (\u201eaber nur, wenn er meint, es ist n\u00f6tig\u201c) und Cortison 5 mg (\u201eauch nur wie er meint\u201c) ein. Ansonsten sei er ja gesund und brauche keine Medikamente.<\/p>\n<p>Die einzigen Patientenunterlagen, die vorliegen, finden sich in Form eines Lieferscheins der Apotheke \u00fcber Chemotherapeutika, kein Arztbrief, kein Krankenhausbericht. Um weitere Informationen zu erhalten, gelingt es, telefonisch Kontakt zum behandelnden niedergelassenen Onkologen herzustellen. Dieser best\u00e4tigt die hochpalliative Situation, andererseits aber den ausgepr\u00e4gten Therapiewillen des Patienten, der f\u00fcr sich immer die doppelte Dosis der Chemotherapeutika eingefordert habe. Jegliches Angebot \u00fcber eine palliative Anbindung sei konsequent abgelehnt, auch entsprechende Gespr\u00e4chsangebote negiert worden.<\/p>\n<p>Der Onkologe sch\u00e4tzt den Patientenwillen so ein, dass der Patient auf jeden Fall in ein Krankenhaus transportiert werden wolle. Auch der Hinweis des Notarztes, dass er aufgrund der aktuellen Vitalparameter vermutlich gar nicht mehr transportabel sei, wird vom Onkologen kritisch bewertet. Auch die sichtlich \u00fcberforderte Lebenspartnerin, der der kritische Zustand bislang offenbar in dieser Form nicht bewusst war, spricht sich f\u00fcr einen Transport und die \u201emaximale Therapie\u201c aus. Mit dem Onkologen wird daraufhin vereinbart, dass er mit dem erstbehandelnden Krankenhaus, neben welchem er auch seine Praxis habe, R\u00fccksprache halte und dort ein Bett f\u00fcr den Patienten reserviere. Das etwa 20 km entfernt gelegene Krankenhaus verf\u00fcge neben einer allgemeinen Inneren auch \u00fcber eine Palliativstation.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Telefonates und der Betreuung durch die RD-Mitarbeiter hat sich die Situation offenbar etwas entspannt. Das Atemmuster ist immer noch unregelm\u00e4\u00dfig, die Frequenz bei etwa 8\/min. Der Puls stellt sich weiterhin bradyarryhthmisch dar, die Frequenz liegt nun bei etwa 48\/Minute, was auch dem Carotispuls entspricht. Peripher l\u00e4sst sich weiterhin kein Puls tasten, eine Sauerstoffs\u00e4ttigung ist nicht sicher ableitbar. Die liegende Portnadel wird zun\u00e4chst mit Vollelektrolytl\u00f6sung \u00a0gesp\u00fclt, diese zeigt sich auch r\u00fcckl\u00e4ufig. Danach werden 10 mg Morphin und 250 mg Natriumprednisolon-21-succinat (Solu Decortin) verabreicht. Hiernach wird der Patient sichtlich entspannter, die Herz- und Atemfrequenz bleibt unver\u00e4ndert.<br \/>\nEs erfolgt der Transport im Tragetuch \u00fcber das Treppenhaus und das Verbringen des Patienten in den RTW. Der Patient zeigt sich auf dem beschriebenen Niveau stabil. Mit der Lebenspartnerin wird vor dem Transportbeginn im Konsens besprochen, dass &#8211; so es auf dem Transport zu einem Kreislaufstillstand k\u00e4me &#8211; keine lebensverl\u00e4ngernden Ma\u00dfnahmen durchgef\u00fchrt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mit der Angeh\u00f6rigen, der RTW-Besatzung und dem NEF-Fahrer ist so \u00dcbereinstimmung \u00fcber den mutma\u00dflichen Patientenwillen und den daraus abgeleiteten Transport erzielt worden. Der Notarzt f\u00fchlt sich bei dieser Ma\u00dfnahme jedoch weiter unwohl, akzeptiert dies aber als Patientenwunsch.<\/p>\n<p>H\u00e4tte man hier anders handeln sollen?<\/p>\n<p>Dr. med. Frank H\u00f6pken<br \/>\n\u00c4rztlicher Leiter Rettungsdienst<br \/>\nReeser Landstra\u00dfe 31<br \/>\n46483 Wesel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alarmierung des NEF um 17:45 Uhr, Einsatzstichwort \u201eAtemnot\u201c Der Einsatzort liegt am Rande des Einsatzgebietes an der Grenze zu einem benachbarten Kreis. 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