JATA 2019

Westdeutsche Notfalltage – 35. Jahrestagung der AGNNW

Mehr geht nicht!

Am 18. Und 19. Januar 2019 fanden die Westdeutschen Notfalltage und damit die 35. Jahrestagung der AGNNW statt. Das Fassungsvermögen des Tagungsortes Maternushaus mitten in Köln wurde erreicht: über 500 Teilnehmende bewiesen, dass das Konzept stimmt!

Berufspolitisches Programm, Vormittag

Der Vormittag im Dialog mit den Ministerien eröffnete am Freitag traditionell die Tagung. Der AGNNW-Vorsitzende Dr. Peter Gretenkort (Krefeld) und Dr. Oliver Thomas (Limburg-Noord, NL) ermöglichten  den Blick über den Tellerrand, indem Konzepte der Notfallversorgung der europäischen Nachbarländer vorgestellt wurden.

Die Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Qualifikation und Qualitätsstandards, Fort- und Weiterbildung im Notarzt- und Rettungsdienst“ bestritten Dr. Peter Gretenkort, Prof. Dr. Dr. Alex Lechleuthner für die AGNNW, Dr. Frank Stollmann für das MAGS NRW, Hannelore Wenzlawiak und Helmut Probst für das MIK NRW, Dr. Hella Körner-Goebel, Thomas Franke und Dr. Hans-Peter Milz für die Ärztekammern Nordrhein bzw. Westfalen-Lippe sowie Dr. Oliver Thomas zusammen mit dem Publikum. Die Diskussionen bezogen sich auf die Themenbereiche der Qualifikation von Leitstellendisponenten, des Qualitätsmanagements (Arbeitsgruppe des MAGS zu §7 RettG NRW), zum Telenotarzt als Ergänzung des Notarztsystems, zur Fortbildungspflicht und künftiger Weiterbildungsordnung und zu den aktuellen Möglichkeiten des Systems IG-NRW als Informationsplattform für Behandlungskapazitäten aber auch für die Transportorganisation im MANV-Fall.

Nachfolgend einige weitergehende Stichworte zu den Diskussionsthemen:

Dr. Stollmann (MAGS):  

Die Landesweite Einrichtung von „Telenotarzt“-Systemen ist eine „sinnvolle Ergänzung … kein Ersatz für das bestehende Notarzt-System“. Derzeit läuft eine Bedarfsanalyse und rechtliche Klärung.

Thomas Franke (ÄLRD Mülheim): NA-Sim 25

Lernziele:

  • Grundkenntnisse im „Team Ressource Management“.
  • Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes mit Rettungsdienstfahrzeugen (RTW, NEF etc.).
  • Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen RD und anderen Fachdiensten.
  • 25 Einsatzsituationen die besondere Anforderungen an den NA stellen und eher selten sind.

Organisation und Personal:

  • max. 8 Simulationen pro Tag, Dauer 8-9 Std.
  • Kursleiter: FA in einem Fach mit Bezug zur Notfallmedizin, ZWB Notfallmedizin, min. 4 Jahre Einsatzerfahrung, Instruktor (z.B. ERC oder ATLS)
  • Trainer: erfahren Notärzte (aktiv) mit ZWB Notfallmedizin
  • Assistenten: Erfahrene Rettungsdienstmitarbeiter
  • Teilnehmer mit abwechselnder Übernahme der „Notarztrolle“ im Team, Anrechnung

unabhängig von der Rolle

  • Max. 4 Teilnehmende je Gruppe, 1 Trainer und 1 Assistent je Gruppe
  • ÜE 45 min (Fallbeispiel/Debriefing 20/25 min)
  • Genehmigung durch die ÄK nach Prüfung der Voraussetzungen

Szenarien (beispielhaft):

  • Polytrauma mit/ohne techn. Rettung
  • Neugeborenen/Kinder-Rea
  • Schwieriger Atemweg
  • Geburt und Neugeborenenversorgung
  • Schwere Verbrennung
  • Kardiogener Schock
  • Schwere Arrhythmie mit Schrittmachereinsatz
  • Kindernotfall mit Luftnot

Dr. Peter Gretenkort: Notärzte und Paramedics -europäische Konzepte –

Unterschiede im internationalen Vergleich:

  • Umfangreichere Ausbildung des nicht-ärztlichen Personals mit höherer Eigenverantwortung und besserer Rechtssicherheit
  • Definierte Einsatzbereiche von Notärzten mit spezifischen Aufgaben und spezifischer Einsatzerfahrung.
  • Klare Grenzziehungen bei der präklinischen Narkose.
  • Überkommunale / überregionale Leitstellen.
  • Hubschrauberrettung mit nächtlichen Primäreinsätzen.

Votum für ein kompetentes Notarztsystem.

Spezifische notfallmedizinische Fachkompetenz für Kernaufgaben.

Teamtraining, Crew Ressource Management und Delegation von Überwachungs- und Transportaufgaben.

Gezielte Disposition der Ressourcen durch kompetente Leitstellen, Reduktion von Fehleinsätzen.

Geeignete Standortplanung, Vergrößerung des Einsatzradius.

Rechtssicherheit für Ärzte und Notfallsanitäter.


Dr. Oliver Thomas (Limburg-Noord, NL): Ärztliche Leitungsaufgaben des “Medisch Manager Ambulancezorg (MMA)” im niederländischen Rettungsdienst

Aufgabenbereiche des MMA:

  • (End)verantwortlich für die fachliche Kompetenz (Fort- und Weiterbildung)
  • Qualitätsmanagement”
  • Hintergrunddienst als Rückfallebene
  • Zusammenarbeit mit anderen Organisationen
  • CIRS Management (“Veilig Incident Melden VIM”)
  • Prozessmanagement
  • Innovationen (Material, Produkte)
  • Wissenschaftliche Untersuchungen

Fachliche Kompetenz (“medisch handelen”) der nichtärztlichen Mitarbeitenden:

  • Fähigkeitsnachweis (“bekwaamheidsbeleid ambulanceverpleegkundige”)
  • Berechtigungserlaubnis (“bekwaamheidsverklaring”) für bestimmte Handlungen: endotracheale Intubation, Defibrillation, Koniotomie
  • Gesamte Ausbildungszeit: ≈ 6,5 Jahre

Marc Zellerhoff (ÄLRD, Rhein-Kreis-Neuss): Informationssystem Gefahrenabwehr NRW

Neuerungen:

  • Landeseinheitliche Ansicht für NRW
  • Einführung in allen Kreisen und Städten geplant
  • Eine Ansicht für Versorgungskapazitäten und Fachabteilungen in der Leitstelle
  • Der Begriff der Auslastung ersetzt die Abmeldung
  • Ausweitung der Auswertungsmöglichkeiten
  • Nutzung der IG NRW Daten bei Großschadensereignissen
  • Anwender Forum IG NRW
  • Mehrere Mail Adressen bei Auslastung
  • Zentrale Verwaltung bei mehreren Betriebsstätten

Industrieforum

Das diesmal auch offiziell so betitelte „legendäre“ Industrieforum bot die außergewöhnliche Möglichkeit, sich durch Kurzvorstellungen der Aussteller über neueste Entwicklungen der Industrie zu informieren. Und dies nicht als  Werbeveranstaltung, sondern wie immer kompetent begleitet durch die Moderation von Prof. Dr. Dr. Alex Lechleuthner.


Berufspolitisches Programm, Nachmittag

Der Nachmittag widmete sich dem Schwerpunktthema „Gewalterfahrungen“.

Dr. Britta Gahr (Leiterin der Gewaltopferambulanz, Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Düsseldorf) stellte speziell Gewalt gegen Frauen dar.

Oliver Berthold (Leiter der Kinderschutzambulanz, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, DRK-Kliniken Westend Berlin) bezog sich auf Gewalt gegen Kinder.

Gemeinsame Take-Home-Messages:

  • Schaut genau hin und hört genau zu: Verletzungen hinterfragen und auf Plausibilität zum beschriebenen Vorgang prüfen.
  • Im Zweifel beraten lassen: Kinderschutzhotline/ Rechtsmedizin

Gewalt im Rettungsdienst wurde durch Dr. Peter Gretenkort (Vorsitzender der AGNNW) und Dr. Thomas Jakob (Stellv. Vorsitzender der AGNNW) in ihren verschiedenen Facetten, Ursachen und Möglichkeiten der Problemlösung beleuchtet.

  • Hohe Dunkelziffer, nur eine geringe Anzahl der Vorfälle wird gemeldet.
  • Unterschiedliche Definition oder Abstumpfen gegenüber Aggressivität. Ist anspucken schon Gewalt? Ist anschreien und beschimpfen schon Gewalt?
  • Eigenes Verhalten reflektieren, Eigenschutz beachten, Deeskalieren, ggf. Rückzug.
  • Hat der Rettungsdienst überhaupt die Aufgabe, die Gesellschaft zu beurteilen oder muss er sich eher auf Änderungen der Verhältnisse einstellen?

Dr. Peter Gretenkort (Vorsitzender AGNNW): Gewalt im Rettungsdienst

Die Rettungsdienstmitarbeiter stellen den zentralen Dreh- und Angelpunkt dar, denn sie sind es, die vor Aggression und Gewalt im Rettungsdienst geschützt werden sollen, und sie sind es, welche später die Maßnahmen aus den vier Bausteinen anwenden sollen. Ob die zu entwickelnden Maßnahmen dabei Scheitern oder Erfolg haben werden, hängt in erster Linie von der Einstellung der jeweiligen Rettungsdienstmitarbeiter ab.

Durch Gestik und Mimik, Tun und Lassen kommuniziert jede Einsatzkraft auch ihre Einstellung an der Einsatzstelle. Fehlende Motivation infolge von Unzufriedenheit, Abgestumpftheit, Desinteresse, Antipathie gegenüber bestimmten Patientengruppen, wie eventuell alkoholisierten Personen, privaten oder beruflichen Problemen oder ein Burnout-Syndrom begünstigen eine Eskalation von Aggression und Gewalt im Einsatz und können in Extremsituationen sogar zu einem aggressiven Auftreten der Einsatzkraft führen. Defizite beider Parteien in der sozialen Kompetenz und im Sozialverhalten wirken sich negativ auf eine Deeskalation aus. Ein Scheitern ist auch wahrscheinlich, wenn Deeskalation von der Einsatzkraft als sinnlos, unnötig oder nicht zielführend empfunden wird.

Prävention und Umgang mit Aggression und Gewalt

  1. Baustein: Prävention von Konfliktsituationen
  2. Baustein: Konfliktsituationen mit Aggression
  3. Baustein: Konfliktsituationen mit physischer Gewalt
  4. Baustein: Nach der Konfliktsituation


Wissenschaftliches Programm

Die 1. Sitzung am Samstag stand unter der Überschrift „Notfälle in Schwangerschaft und Geburtshilfe“. Hier spannte sich der Faden von den Notfällen in der Schwangerschaft (Prof. Dr. Alexander Strauss, Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Universität Kiel) über die Geburt im Rettungsdienst (Dr. Jan Weber, Gynäkologie und Geburtshilfe, Katholisches Klinikum Bochum, St. Elisabeth Hospital, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum) bis hin zur Erstversorgung der Neugeborenen (Dr. Ulrich Kleideiter, Kinder- und Jugendklinik, Christophorus- Kliniken Coesfeld).

Prof. Dr. Alexander Strauss (Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Universität Kiel):  Notfälle in der Schwangerschaft

Peripartale Blutungen (PPH) = Uterusatonie!

4 T’s: Tonus (Atonie 80%)(75-83%)

  • Z.n. Uterusatonie
  • Überdehnung (Mehrlinge, Polyhydramnion, Makrosomie)
  • Protrahierte Geburt
  • Geburtseinleitung und lang dauernde Oxytocingabe
  • Multiparität
  • Vaginal-operative Entbindung
  • Sectio nach protrahiertem Geburtsverlauf

Tissue (Plazenta)

Trauma

Thrombin (Gerinnung)

Blutverlust Verlust wird visuell ≥ Faktor 3 unterschätzt …

Rettungskette = Entscheidungskette

Präklinische Ersteinschätzung/ koordinierte Versorgung

Distanz zur Klinik verschlechtert das Outcome (Mutter und Kind)

Kommunikation Präklinik – Klinik: direkt, frühzeitig, bidirektional
Transport: nächstgelegene, geeignete geburtshilfliche Abteilung mit geburtshilflicher Interventions-
Option, Perinatalzentrum.


Sitzung 2 widmete sich dem Themenfeld „Technisch aufwändige Rettung und Versorgung. „

Dr. med. Hans Lemke (Leitender Arzt, Zentrum für Schwerbrandverletzte, Klinikum Dortmund, ÄLRD Stadt Dortmund) berichtete in seinem Vortrag „Stromunfall und Blitzschlag“ über typische Verletzungsmuster in Anhängigkeit von der Stromstärke. Er verwies hierbei auf die Notwendigkeit, auch Patienten mit Niederspannungsunfällen <1000V (z.B. Haushaltsstrom) grundsätzlich in der Klinik abklären zu lassen und nur bei unauffälliger Befundung (u.a. 12-Kanal-EKG) wieder nach Hause zu entlassen.


Hella Körner-Göbel (Wuppertal) und Gerrit Müntefering (Moers) unterstrichen in ihrem Vortrag „Neues zur Kohlenmonoxid-Vergiftung“ die Bedeutung von CO-Warnern als persönliche Schutzausrüstung. Konkreter Anlass war der aktuell Fall einer CO-Vergiftung einer Rettungsdienst-Mannschaft mit nachfolgender Behandlung mehrerer Einsatzkräfte in einer HBO-Druckkammer.

CO ist geringfügig leichter als Luft.

CO diffundiert durch Wände.

Schon milde CO-Vergiftungen führen zu neurologischen Spätfolgen

Der Goldstandard der Messung ist die BGA.

Die HBO-Therapie ist die schnellste Methode um CO aus dem Organismus zu eliminieren.

Eine CO-Leitlinie ist in Arbeit und wird dieses Jahr erscheinen.

Eine Initiative zur Prävention von CO-Vergiftungen wurde am 15. Mai 2018 ins Leben gerufen.
https://www.co-macht-ko.de

Die Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein gibt dem Ministerium die Empfehlung eine CO-Warner-Pflicht für Shisha-Bars umzusetzen.

https://www.druckkammernotfallversorgung.de

(Besser die Feuerwehr Wiesbaden anrufen: 0611 19222).


Die Anforderungen an Ausstattung und Konzeption in Notfallsituationen bei Patienten mit morbider Adipositas stellte Andreas Jansen (Berufsfeuerwehr Köln) dar. Er unterstrich die Notwendigkeit einer umfangreichen Vorplanung dieser technisch, zeitlich und mitunter auch medizinisch aufwändigen Einsätze im eigenen Rettungsdienstbereich oder im Rahmen einer abgestimmten Nachbarschaftshilfe.


In die Mittagszeit war traditionell eine Special Lecture geschaltet. Dr. Oliver Thomas (Limburg-Noord, NL) referierte anschaulich über die „Aufgaben von Notärzten in unseren Nachbarländern“.

Organisation des Rettungsdienstes in den Niederlanden:

  • Nicht arztgebundenes Rettungsdienstsystem.
  • „Verlängerte-Arm-Konstruktion“: landeseinheitliche protokollierte Vorgehensweisen („LPA“).
  • Verantwortlich: Ärztlicher Leiter (MMA).
  • „bekwaamheidsverklaring“ vom MMA, Standesregister (BIG registratie), Standesrecht („tuchtrecht“), starke Aufsichts- und Kontrollbehörde (IGJ)

Organisation des Rettungsdienstes in den Niederlanden:

  • Hilfsfrist: 15 Minuten
  • Integrierte Leitstelle
  • SoloAmbulance (= Rapid Responder)
  • bei bestimmten Notfällen: Alarmierung von 2 Rettungswagen (Reanimation, Polytrauma, Kindernotfälle)
  • Digitale Dokumentation („EDAZ“)
  • Landeseinheitliche Therapiestandards (“landelijk protocol ambulancezorg LPA”),  Zur Zeit: 111 Handlungen, 91 Therapieleitlinien (“Protocollen”), Handlungsprozesse.

Human ressources: Befähigung des Rettungsdienstpersonal

Dreiwege Modell (“drie sporen beleid”):

  • Klassischer Weg, Bachelor Medisch hulpverlening, Basisarts
  • Ambulance verpleegkundige, Krankenpflegeausbildung  (4 Jahre)
  • abgeschlossener Fachweiterbildung (ZNA (= SEH), IC, Anästhesie) (1,5 Jahre)
  • Fachspezifische Ausbildung im Rettungsdienst (¾ Jahr)
  • Gesamte Ausbildungszeit: 6,5 Jahre

Befugnisse des Rettungspersonals, Ambulance verpleegkundige:

  • i.v./i.o. toegang : ja
  • Medikamente (LPA):ja
  • Reanimation: ja
  • Intubation: ja
  • Koniotomie:ja
  • Entlastung Spannungspenumothorax: ja
  • Narkoseeinleitung: nein
  • Thoraxdrainage : nein
  • Nachteile in der Praxis:
  • Teilweise lange Einsatzzeiten.
  • Nicht immer verfügbar.
  • Plan B des Rettungsdienstpersonals erforderlich („scoop and run“).
  • Keine „interklinischen Transporte“.
  • Krankenhaus zur Abstellung der medizinischen Begleitung (Arzt) verantwortlich.

Ausblick:

Vorhaltung bestimmter Ausrüstung und Fähigkeiten (Skills) in einem höher geordneten Rettungsmittel (NEF) versus allen (RTW).

Zukünftige therapeutische Entwicklungen (Echo?, NIPPV?, RSI?) im „Nicht Arzt“ System begrenzt.

Ärztliche Expertise bei Bedarf abrufbar.

Spagat zwischen „Expertise“ versus „Verfügbarkeit“.

„Prähospitale Nicht Arzt“ Systeme erfordern: hohe Prozessstruktur und hohe Standardisierung.


Die 3. Sitzung am Samstagnachmittag  beschäftigte sich mit lebensbedrohlichen Blutungen, und zwar im Bereich der HNO (Prof. Dr. Thomas Deitmer, Klinik für HNO-Heilkunde, Klinikum Dortmund), aus dem Gastrointestinaltrakt (PD Dr. Brigitte Schumacher, Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie, Elisabeth- Krankenhaus Essen) und aus der Lunge (Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Lungenklinik, Krankenhaus Merheim, Kliniken der Stadt Köln, Lehrstuhl für Pneumologie, Universität Witten-Herdecke).

Prof. Dr. Thomas Deitmer, Klinik für HNO-Heilkunde, Klinikum Dortmund: Lebensbedrohliche

Blutungen in der HNO-Heilkunde

Laterobasale Schädelbasisfraktur, Trommelfellzerreissung:

  • Blutungen in aller Regel nicht bedrohlich, steril abdecken,
  • Erbrechen und Nystagmus durch Mitverletzung des Vestibularorgans,
  • Facialisfunktion dokumentieren!

Gehörgangsverletzung:

  • Blutungen in aller Regel nicht bedrohlich, steril abdecken,
  • Direkttrauma? Sturz aufs Kinn, Unterkiefer?
  • Facialisfunktion dokumentieren!
  • Gehörgang evtl. durch HNO schienen lassen, 24h

Pseudo-Blutung im Gehörgangseingang:

  • von Schädelplatzwunden, hineingelaufen!
  • Blutungen laufen nicht nach,  steril abdecken, mit Otoskop oder HNO-Arzt klären

Reines Lidhämatom

  • Entsteht leicht, „blaues Auge“
  • Lider öffnen
  • Bulbus intakt? Visus grob prüfen
  • Keine Notfallmaßnahmen
  • Später Ausschluss Fraktur
  • Hämatom in der Orbita, retrobulbär:
  • Drückt Bulbus nach vorn, Chemosis
  • Motilitätsstörung! Bulbus „eingemauert“
  • Visusstörung
  • Schnelle Klärung, nach Stunden irreversibler Visusverlust
  • Hochdosiertes Cortison
  • „Weichen stellen“

Einschätzung Epistaxis:

  • Aus welcher Seite? Entscheidbar?
  • Blutung nach hinten? In den Magen? Racheninspektion!
  • Kopf nach vorn, Blutverlust aus Nase und Mund abschätzen, wie lange schon?
  • Blutverschmutzung der Umgebung, Nierenschale, Taschentücher, Handtücher, Waschbecken.
  • Anämiezeichen, Konjunktiven

Kausale Behandlungsoptionen:

  • Arterieller Hypertonus: RR-Senkung
  • Gerinnungshemmung: Wenn möglich Antagonisten, präklinisch??

Epistaxis, weiteres Management:

  • Ausspucken von Blut, Aspiration vermeiden, cave Sedierung!
  • Etwas Kaltes in den Nacken oder Lutschen.
  • Abschwellende Tropfen/Sprays.
  • Tranexamsäure, wenn keine Kontraindikation.
  • Tamponade.

Raumfordernde Hämatome Mund und Rachen:

Spontane Einblutungen, Einblutungen unter Gerinnungshemmern, Hämatombildung „nach innen“ nach äußerem Trauma, Nachblutungen nach Halsoperationen (Halscysten, Tumor-Ops, Gefäß-Ops, Schilddrüsen-Ops)

Management:

  • Atemwege: Stridor, Thoraxeinziehungen?
  • Sauerstoff-Sättigung?
  • Stabilisation möglich? Klinische Klärung, CT, flexible transnasale Endoskopie
  • Cave: schwieriger Atemweg, Intubation mit möglichen Notfall-Optionen planen

Blutungen nach Tonsillektomie/Adenotomie:

Einteilung nach Schwere

  • A1          anamnestische Blutung
  • A2          anamnestische Blutung und Koagel sichtbar, keine Blutung
  • B1          aktive Blutung, Versorgung in LA mit Tupferdruck etc.
  • B2          aktive Blutung, Versorgung in LA mit Koagulation
  • C            chirurgische Blutstillung in ITN nötig
  • D            dramatischer Ablauf, Hb-Abfall erheblich, Transfusion,
    intensivpflichtig, Unterbindung der ACE
  • E            Exitus letalis

Tücken der TE-Nachblutung:

  • Arterielle Blutungen stillen sich teils selbst temporär, können dann neu fulminant bluten
  • Auslöser für Nachblutungen sehr unberechenbar
  • Tödliche oder dramatische Verläufe meist durch Unterschätzung der Risiken,
  • Bagatellisierung, mangelnde Kontrolle, schlechte Notfallwege präklinisch, schlechtes Management klinisch

Eine stattgehabte Blutung nach TE erhöht die Wahrscheinlichkeit einer weiteren, auch stärkeren Blutung erheblich (ca. 50%!)

Massive arterielle Blutungen kündigen sich oft mit prämonitorischen Blutungen an

Jede TE-Nachblutung als Anlass für eine stationäre Überwachung von 48 h

Kompression einer identifizierten Nachblutung mit einem Stieltupfer transoral kann lebensrettend sein

Management:

  • Atemweg sichern
  • Blutaspiration und Koagel-Verlegung des Atemweges vermeiden
  • Großvolumiger Absauger!!
  • Linderung der Blutung durch innere Kompression, Carotiskompression
  • Blutungen bei onkologischen Fällen
  • Atemwegssicherung (HNO-Operateur soll anwesend sein)
  • Kräftige Absaugmöglichkeit, Koagel im Rachen und Larynx!
  • Intubationshilfen bereitstellen: (Notfall-Tracheoskop), Videolaryngoskop
  • Im Zweifelsfall Koniotomie-Bereitschaft herstellen

Bei raumfordernden Hämatomen mit Kompression des Atemweges im Pharynx; notfallmäßiges Öffnen der Op-Wunde und Ausräumen von Koageln

Psychologie der Koniotomie:

  • ….die Hoffnung, dass die Intubation beim 7. Male doch noch klappt
  • ….dass noch jemand „erfahrener“ kommt
  • ….dass es doch noch ohne diesen dramatischen Schnitt am Hals geht
  • ….man sonst in seinem Beruf nicht chirurgisch tätig ist und keine Schnitte in Hälse macht
  • ….hinterher jemand sagt, dass dieser „Schnitt in den Hals“ ja eine Überreaktion war

Indikation zur Koniotomie

  • …..prospektiv denken: wie lange braucht man vom Entschluss bis zur Eröffnung des Atemweges?
  • ….wenn es kritisch wird, Koniotomie-Bereitschaft erzeugen und anordnen
  • …..nicht zu spät zur Koniotomie entschließen
  • ….wer so ein Leben rettet, wird nicht nachher nach der korrekten Schnittführung gefragt

PD Dr. Brigitte Schumacher, Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie, Elisabeth- Krankenhaus Essen: Lebensbedrohliche Blutungen   aus dem Gastrointestinaltrakt

S2k-Leitlinie Gastrointestinale Blutung , Götz M et al  Z.Gastroenterol 2017;55:833-936

  • A – Problem: Aspiration von Blut, signifikante Verschlechterung  der Prognose, Intubation spätestens vor der Endoskopie
  • C- Problem: Hypotone und tachykarde Kreislaufsituation à Volumensubstitution
  • E- Problem: Hypothermie vermeiden

Therapie: hochdosiert PPI (Verdacht auf Ulkusblutung), Terlipressin  (Verdacht auf Varizen Blutung)

„schnelle“ Endoskopie: die obere gastrointestinale Blutung stellt einen häufigen Notfall mit hoher Mortalität dar. Instabile Patienten  sind  notfallmedizinisch zu versorgen, endoskopische Eingriffe innerhalb 12 – 22h  (Hochrisiko-Patienten: Schwere der Blutung, Alter,  Multimorbidität), bei Versagen der endoskopischen Therapie  ist eine chirurgische Versorgung erforderlich.


Prof. Dr. Christian Karagiannidis, ARDS und ECMO Zentrum Köln-Merheim, Abteilung Pneumologie und Thoraxchirurgie, Professur für extrakorporale Lungenersatzverfahren der Universität Witten/Herdecke: Lebensbedrohliche Blutungen aus der Lunge

Differentialdiagnosen: Hämoptysen/ Hämoptoe/ Blutung aus dem GI Trakt

Anamnese!!! (z.B. Briefe aus Kliniken bei Tumorpatienten)

Stabilisierung des Patienten bei Hämoptoe:

  • Großlumiger peripherer Zugang (CAVE: Hb relevante Blutungen aus der Lunge sind schnell letal)
  • Oberkörper-Hochlage
  • Sedierung/ Opiate ja, aber zurückhaltend! Husten kann lebensrettend sein bis zum Eintreffen in der Klinik
  • Tranexamsäure falls vorhanden
  • O2 Applikation/ NIV oder Intubation
  • Schnellstmögliche Verbringung in ein Zentrum (Klinik mit Thoraxchirurgie und zusätzlich möglichst interventioneller Radiologie)
  • CAVE: Reanimationen bei fulminanter Hämoptoe sind häufig frustran oder die Patienten schwerst hypoxisch!

Die drei häufigsten Ursachen

  • Infektionen/ Bronchiektasen/ Systemerkrankungen  à Alveoläre Blutung, Bronchialarterien
  • Lungentumore à zentral oder peripher
  • Polytrauma à Alveolär/ Kontusion oder Gefäßabrisse

Therapieoptionen:

Die Lunge braucht einen adäquaten Überdruck

Ein ausreichend hoher PEEP bzw. Atemwegsmitteldruck führt u.a. zu einer Kapillarkompression und damit häufig zum Stillstand der Blutung. Häufig PEEP um 20 cmH2O bei schweren Fällen nötig

Die zusätzliche Oberkörper- Hochlage schützt die apikalen Lungenareale vor Aspiration von Blut!

Bronchoskopie bei alveolärer Hämorrhagie:

  • Strenge Indikation, um weitere endobronchiale Läsionen zu vermeiden, insbesondere weitere Ulzerationen bei Vaskulitis.
  • Kurzes kontrolliertes Absaugen der zentralen Atemwege sowie Bronchoskopie zur Diagnostik sinnvoll
  • Bei blutenden Ulzera Suprarenin endobronchial mitunter sinnvoll
  • Wichtiges Instrument zur Differential-Diagnostik mit BAL und breiter infektiologischer Diagnostik.
  • Entfernung von Koageln kann zu erneuten lebensbedrohlichen Blutungen führen!!!

Ideenpreis der AGNNW

Die Verleihung des Ideenpreises ging an die Arbeitsgruppe „Mobile medizinische Datenerfassung (MDE)“ und damit namentlich an Phil Beermann, Stefan Janus und Bernd Strickmann für eine Erleichterung der Dokumentation von invasiven Maßnahmen durch nichtärztliches Fachpersonal im Rettungsdienst.

Damit war das umfangreiche, jedoch jeweils thematisch kohärente wissenschaftliche Programm beendet. Jedoch noch nicht die Veranstaltung; denn alle noch folgenden 7 Workshops waren ausgebucht


Fazit

Am Ende konnte die AGNNW stolz auf eine erneut erfolgreiche Jahrestagung sein. Das betrifft sowohl die Planenden und den Vorstand als auch und besonders alle Teilnehmenden und alle Mitglieder, ohne welche diese Veranstaltung gar nicht möglich wäre. Viele kannten sich von vorherigen Jahrestagungen und auch „Neulinge“ wurden und werden herzlich in unserer „AGNNW-Familie“ aufgenommen. Wir alle freuen uns auf viele bekannte und neue Gesichter im nächsten Jahr.

Dr. Thomas Jakob, stellv. Vorsitzender der AGNNW